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Depression, Leere und fehlendes Netzwerk

Tulip
Hallo liebe Lesenden,

Nun wage ich den Schritt und teile mich mit, vielleicht finden sich ein paar Anregungen.
Ich leide einen großen Teil meines Lebens unter Depressionen, Ängsten, Borderline durch viele traumatische Erlebnisse, ungünstige Startbedingungen.
Mit 19 bin ich von zu Hause weg gezogen und hab alles hinter mir gelassen das mich belastet hat in der Hoffnung es könnte mir anderswo besser gehen.
Es gab immer schwierige Phasen, doch was mir blieb zum Ausgleich waren intensive Hoch Gefühle, Phantasie, Glaube, Lebendigkeit.
In einem schleichenden Prozess ist dies zunehmend weg gebrochen und ich bin innerlich nur noch leer, desinteressiert, habe das Kämpfen aufgegeben.
Dazu kommt dass ich es über die Jahre nicht geschafft habe mir das soziale Netz zu stricken das ich mir wünschen würde, das ich einmal hatte. Viele Leute sind weggezogen, viele haben den Kontakt abgebrochen und ich habe resigniert und nur noch wenig Kraft etwas aufzubauen, zweifel stark an mir.
Es schmerzt sehr was aus der bunten Frau die ich mal war, geworden ist.

Wie findet man den Sinn und den Glauben wieder? Wie geht ihr mit Leere und Einsamkeit um? Wie baut man sich ein Netz auf, wenn man depressiv ist?

Liebe Grüße,
Tulip

11.05.2020 13:23 • x 7 #1


Pilsum
Hallo Tulip,

schön, ein wenig über Dich zu erfahren.
Dein Lebensweg war wohl teilweise ziemlich schwierig. Trotzdem solltest Du Deinen Mut nicht verlieren.
Bestimmt kannst Du Dich hier gut austauschen,
Anregungen geben und auch Tipps bekommen.
Neue Kontakte zu bekommen ist am Anfang fast immer schwer. Nicht nur, wenn man depressiv ist.
Welche Interessen hast Du denn?

Viele Grüße
Bernhard

11.05.2020 15:02 • x 1 #2


A


Hallo Tulip,

Depression, Leere und fehlendes Netzwerk

x 3#3


Tulip
Hallo Bernhard,

Ja ich dachte mir, ich mach mal einen Anfang. Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Neulich irgendwo gelesen, dass man immer etwas Startenergie für Dinge braucht und durchs Tun dann aber auch mit neuer Energie belohnt wird. Klappt manchmal

Momentan habe ich durch die Depression leider nur wenige Interessen. Früher habe ich immer gerne Sport gemacht, auch tanzen, Musik hören, draußen sein, wandern, klettern, Kanu und Reisen mit dem Rucksack fand ich immer toll. Ich hab mich für Psychologie und Philosophie interessiert und gerne gelesen.
Momentan höre ich viele Hörbücher, wobei die Konzentration und das Gedächtnis nicht so mitspielt und ich mich nur schwer tief entspannen kann, ich gehe fast jeden Tag spazieren und kümmer mich um ein paar Pflänzchen. Früher hab ich gern gekocht, mich kreativ betätigt, genäht und gemalt. Darin konnte ich mich vertiefen und Verbundenheit erfahren. Ich versuche mich gerade wieder etwas ans Malen ran zu tasten.
In den letzten Jahren habe ich mich zu viel in die Arbeit geflüchtet, dafür ist mir die Kraft ausgegangen, weil andere Quellen versiegt sind und ich zudem in einer kräftezehrenden destruktiven Beziehung war. Meinen derzeitigen nicht mehr so anspruchsvollen Job schaff ich mit Ach und Krach..

Jetzt wo ich das so schreibe merke ich, dass da doch ein paar Dinge in mir schlummern die ich mochte. Danke für den Anstoß durch die Frage. Ich hatte ganz vergessen was mich mal ausgemacht hat.

Liebe Grüße,
Tulip

11.05.2020 16:48 • x 5 #3


K
Liebe Tulip,

wenn ich Deine Zeilen so lese, denke ich, das hätte ich geschrieben haben können. Das beantwortet jetzt vielleicht nicht die Grundfrage, aber zumindest zeigt es Dir, dass Du nicht allein bist. Gerade, wenn man so richtig festgefahren ist, ist es natürlich besonders schwierig, sich am eigenen Schopf aus dem Modder zu ziehen...

Ich habe auch arg mit meiner Einsamkeit zu kämpfen, aber an einem lichten Tag habe ich mich für einen Frauenchor angemeldet. Und es war klasse - bis Corona kam. Da die Bindungen noch nicht wirklich eng waren, liegt jetzt leider alles brach, aber ich zehre von der positiven Erfahrung.

Hast Du es einmal mit Selbsthilfegruppen versucht?

Liebe Grüße
Kürsche

11.05.2020 18:00 • x 2 #4


Tulip
Huhu Kürsche,

Danke Dir! Wow! Krass dass es anderen auch so geht...
Ja, Corona erschwert die Pflege und den Aufbau neuer Kontakte sehr, es wirft einen auf den Boden der Existenz zurück. Es freut mich zu lesen, dass du von den positiven Erlebnissen im Frauenchor zehren und hoffentlich bald wieder anknüpfen kannst. Gemeinsames Singen verbindet und setzt viele Glücksgefühle frei und überhaupt, toll dass du da hin gegangen bist, das war bestimmt nicht leicht.....

Ich treffe mich ab und zu mit Leuten die ich von einem Klinikaufenthalt kenne, da hat sich aber z.t. eine merkwürdige Dynamik eingeschlichen, verstrickte Beziehungskonstellationen zwischen ein paar Menschen, die ich so am Rande mitbekomme. Ich fühle mich auch oft nicht als Teil einer Gruppe, in manchen Fällen ist das ganz gut, doch ich sehne mich schon sehr nach Zugehörigkeit und bin oft eher zurückhaltend...

Wie gehst du mit der Einsamkeit um wenn du sie akut spürst? Ich lese aus deinen Zeilen, dass du bewusst versuchst aktiv zu werden? Was hilft dir in den dunklen Momenten und wo findest du Licht? Wenn du erzählen magst..

Liebe Grüße,
Tulip

11.05.2020 19:41 • x 2 #5


Pilsum
Guten Morgen Tulip.

Früher gab es viele Interessen, die Dich angetrieben haben.
Darauf wirst Du wieder aufbauen können.

Der Grund für Depressionen ist manchmal, dass man eine Situation erlebt hat,
die die bisherige Weltanschauung oder Lebenseinstellung mit den eigenen
Überzeugungen gestört oder sogar ganz zerstört hat.
Eine Grundlage, worauf man sein gesamtes Leben aufbauen wollte scheint
nicht mehr gegeben zu sein.
Kann das auch bei Dir der Fall gewesen sein?

Viele Grüße

Bernhard

12.05.2020 08:30 • x 2 #6


K
@Tulip
Zitat:
Wie gehst du mit der Einsamkeit um wenn du sie akut spürst? Ich lese aus deinen Zeilen, dass du bewusst versuchst aktiv zu werden? Was hilft dir in den dunklen Momenten und wo findest du Licht? Wenn du erzählen magst..


Ich denke, manchmal muss man es einfach aushalten und darauf bauen, dass es einmal wieder besser wird. Das bewusste Gegensteuern ist super, wenn es hilft, aber wenn es nicht hilft, dann macht es mich noch verzweifelter - nach dem Motto:Jetzt hab ich mich doch schon aufgerafft, und es geht mir immer noch nicht besser! Ich bin da auch sehr ungeduldig.
Worauf ich richtig gallig reagiere, ist die Empfehlung, doch einfach mal ein bisschen Sport zu machen. Das hilft bei mir gar nicht - eher bewusste, langsamere, weniger auf Zielerreichung ausgelegte Aktivitäten wie Spazieren gehen, malen, handwerklich tätig sein. Wenn ich es also schaffe, das zu tun, dann feiere ich mich, wenn nicht, dann versuche ich mehr und mehr, gnädig mit mir zu sein und mir zu verzeihen, dass es im Moment einfach nicht geht. Und den (dunklen) Moment auszuhalten und darauf zu bauen, dass er vorbei gehen wird.

Liebe Grüße

12.05.2020 17:10 • x 1 #7


K
@Tulip
Ach, ein Nachtrag noch: Aus Klinikzeiten habe ich kaum mehr Kontakte. Auch das hat mich immer etwas mitgenommen zu sehen, wie man sich in einem Moment heulend in den Armen liegt und ein paar Monate später ist man abgemeldet, hört nichts mehr voneinander, jeder geht sienen Weg. Ich habe allerdings auch Schwierigkeiten, Kontakte aufrecht zu halten, bin kein guter Smalltalker und habe oftmals nach solchen Treffen hinterher das Gefühl, völlig ausgelaugt zu sein. Daher meide ich Treffen der Regel und ziehe mich mehr und mehr zurück - und doch, wie auch Du, habe ich eigentlich ein großes Verlangen nach menschlichem Kontakt, der echt ist, der mich nicht überfordert, der es mir nachsieht, wenn ich mal ein paar Minuten nichts sage oder mich dumm anstelle und anschließend nicht dafür verurteilt werde.
Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

12.05.2020 17:15 • x 5 #8


Tulip
Hallo Bernhard,

Ja das kommt mir bekannt vor. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und in einem langen Prozess immer wieder liebgewonnene Menschen verloren. So richtig Berg ab ging es als ich mein Medikament abgesetzt hatte und ich frage mich, ob es etwas an meinem Gehirn nachhaltig zerstört haben könnte..

Ich hoffe sehr, dass es mal wieder Berg auf geht. Vieles im Leben ist ja bekanntermaßen zyklisch, vielleicht macht es irgendwann Klick und die Leichtigkeit und Lebendigkeit kehrt zurück.. ich fürchte nur, dass ich dafür sehr viele Anstrengungen unternehmen muss. Und dann kommt ja noch dazu, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird. Schwupps ist wieder ein Jahr rum..

Liebe Grüße,
Tulip

13.05.2020 12:18 • x 2 #9


Tulip
Liebe Kürsche,

Was du beschreibst hat denke ich mit Annehmen und Akzeptieren zu tun, das gegen etwas zu kämpfen aufzugeben, vielleicht schlummern auch mehr Selbstheilungskräfte in uns als wir für möglich halten.
Ein bekannter Schamane sagte neulich zu mir: es gibt keine Krankheitssymptome, es gibt nur Zeichen der Heilung. Eine etwas gewagte These, doch auch ein schöner, neuer Blick.

Klinikbekanntschaften sind schon speziell, man darf nicht vergessen, dass jeder sein Päckchen mit sich rumträgt. Dennoch ist es irgendwie ernüchternd, wenn von der großen Nähe und Vertrautheit nichts oder kaum mehr was übrig bleibt.
Ich hatte mehrere gute Freundinnen die mir immer wieder sagten, wie gern sie mich haben und wie wichtig ihnen unsere Freundschaft ist und plötzlich sind sie von einem Tag auf den anderen verschwunden, haben sich nicht mehr gemeldet und auf Nachrichten nicht mehr reagiert. Das hat mein Vertrauen neben anderen Erfahrungen sehr erschüttert und ich frage mich, wie man so handeln kann. War ich den Leuten denn etwas Wert? Wieso haben sie sich einfach so aus dem Staub gemacht...
Verlust zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden..

Liebe Grüße,
Tulip

13.05.2020 12:33 • x 2 #10


K
Ja, vielleicht ist es ein Heilungsschmerz, dem man einfach nichts entgegensetzen kann. Unsere Gesellschaft ist viel zu sehr gepolt darauf, dass es jedem immer gut gehen muss. Ein schlechter Tag, und man wird schief angeguckt, eine handfeste Depression, und man wird ausgestoßen aus der Gemeinschaft. Aber auch schlechte Tage und Krankheiten gehören nun mal zum Leben dazu und sind kein Grund, jemanden schlecht zu behandeln. Eigentlich...

Zitat:
Ich hatte mehrere gute Freundinnen die mir immer wieder sagten, wie gern sie mich haben und wie wichtig ihnen unsere Freundschaft ist und plötzlich sind sie von einem Tag auf den anderen verschwunden, haben sich nicht mehr gemeldet und auf Nachrichten nicht mehr reagiert. Das hat mein Vertrauen neben anderen Erfahrungen sehr erschüttert und ich frage mich, wie man so handeln kann.


So ging es mir auch. Auch vor Krankheit- und Klinikzeiten. Als ich damals mit 26 in meinem Freundeskreis erzählte, wie es um mich bestellt ist, haben alle gefühlt betreten auf ihre Füße geguckt und waren anschließend verschwunden. Manchmal sehe ich Dokus über Pateinten mit Depressionen, die dann sagen Aber mein Umfeld war so super verständnisvoll, alle haben mich ganz toll aufgefangen! Da muss ich dann immer ganz schön schlucken. Aber hier im Forum lebe ich immer wieder, dass es vielen ähnlich geht oder ging wie mir. Nach der Diagnose ist man leider auch ganz schnell abgeschrieben.

Ich weiß noch, wie ich damals den Link zu einer Talkshow, in der es um Depressionen ging, an meine damaligen Freundinnen geschickt hatte. Mit den Worten, dass hierin ganz gut erklärt wird, was gerade mit mir passiert und ich es nicht so gut kann. Von nahezu allen nie wieder etwas gehört. Und nein, in der Talkshow hieß es nicht: Wenn sie einen Depressiven in Ihrem Umfeld haben, dann brechen Sie bitte sofort den Kontakt zu ihm oder ihr ab! Hat eh keinen Zweck mehr.

Liebe Grüße!

13.05.2020 14:14 • x 3 #11


Pilsum
Zitat von Tulip:
Hallo Bernhard,

Ja das kommt mir bekannt vor. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und in einem langen Prozess immer wieder liebgewonnene Menschen verloren.

Ich hoffe sehr, dass es mal wieder Berg auf geht. Vieles im Leben ist ja bekanntermaßen zyklisch, vielleicht macht es irgendwann Klick und die Leichtigkeit und Lebendigkeit kehrt zurück.. ich fürchte nur, dass ich dafür sehr viele Anstrengungen unternehmen muss.
Tulip


Hallo Tulip,

leider ist es häufig so, dass man gute Bekannte und liebgewonnene Menschen mit der Zeit wieder verliert. Aus diesem Grund sollte sich jeder darum bemühen, immer wieder auch mal neue Kontakte aufzubauen. Dies scheinst Du nicht getan zu haben. Dann kann es schon mal dauern, bis man sich wieder einen neuen Kontakt aufgebaut hat.

Warum sollte Deine Leichtigkeit denn nicht zurückkommen? Natürlich musst Du einiges dafür tun. Geschenkt bekommen wir fast nie etwas.
Gruß Bernhard

13.05.2020 14:46 • x 1 #12


Tulip
Huhu Kürsche,

Gestern habe ich wieder an der Theorie gezweifelt, es könnte Heilungsschmerz sein. Wenn die starken Symptome, extreme Unruhe und Anspannung, Erschöpfung, leere rasende Gedanken über mich hereinbrechen und den ganzen Tag andauern, denke ich doch eher dass ich ziemlich krank bin.
Die meisten Menschen können es nicht verstehen, ausser Betroffene,
Ich finde es ganz schön heftig wie deine Freunde reagiert haben, das sind dann wohl leider keine wahren Freunde. Ich denke mittlerweile es ist wichtig zu unterscheiden zwischen Bekannten und Freunden. Jenen denen man wirklich was erzählen kann und denen die nur die halbe Wahrheit wissen können...
Leider sind viele einfach überfordert und auch ohnmächtig, bekommen vielleicht auch eigenes negatives gespiegelt das sie nicht sehen wollen...

Liebe Grüße,
Tulip

15.05.2020 17:43 • #13


Tulip
Hey Bernhard,

Na ganz so untätig war ich nicht und komplett alleine bin ich auch nicht. Es sind ein paar Bekanntschaften am entstehen und ich hab noch zwei, drei gute Freunde von früher, diese nur nicht in meiner Nähe.
Während meiner destruktiven Beziehung ist nichts gutes entstanden, das hab ich mir durch diesen Kontakt selbst verbaut und danach war ich erst mal frisch neu verliebt und dachte ersr ich brauch nicht viel mehr als ihn und zwei enge Vertraute...

Ich habe Angst dass die Leichtigkeit nicht zurückkehrt weil ich sie seit 1,5 Jahren nicht mehr spüre.. Momentan wäre ich mit Symptomfreiheit schon vollkommen zufrieden.

Früher kam sie einfach so. Beim hören von Musik, während des Tanzens, bei der Autofahrt, beim Blumengießen...

Liebe Grüsse,
Tulip

15.05.2020 17:49 • x 1 #14


A


Hallo Tulip,

x 4#15


K
Huhu @Tulip
Zitat:
Wenn die starken Symptome, extreme Unruhe und Anspannung, Erschöpfung, leere rasende Gedanken über mich hereinbrechen und den ganzen Tag andauern, denke ich doch eher dass ich ziemlich krank bin.

Da hast Du mich missverstanden, liebe Tulip. Ich wollte Dir nicht zu verstehen geben, dass ich Dich für nicht krank halte. Aber man kann, denke, ich, die Krankheit, so fertig sie einen auch macht, natürlich nicht mit offenen Armen empfangen und gutheißen, aber auch nicht mit allen Mitteln bekämpfen und sich so nicht mehr unter Druck setzen und dafür sorgen, dass nman sich noch schlechter fühlt, als es eh schon der Fall ist.
Aber wie immer: jeder Mensch ist anders. Mir hilft es sehr, nachsichtig mit mir zu sein und nicht in erzwungenen Aktionismus auszubrechen. Hör auf das,was Du meinst, was Dir guttun würde, und nicht, was in irgendeinem Depressionsratgeber steht. Ich hab es mal an anderer Stelle geschrieben, ich liebe den Rat Mach mal ein bisschen Sport! Da könnte ich an die Decke gehen, mir hilft Sport wirklich gar nicht. Ganz im Gegenteil, möchte ich meinen. Aber das ist eine andere Geschichte...

Liebe Grüße

16.05.2020 08:34 • x 1 #15

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