Inzwischen fühle ich mich wieder stabiler. Inzwischen habe ich auch herausgefunden, warum ich an dem Abend so durcheinander war. Es hatte mit einer Situation auf Arbeit zu tun, die meinen zentralen Konflikt berührt hat. Und zwar hatte ich von einer Abteilung den Auftrag bekommen, eine bestimmte Arbeit bis zum 4. November abgeschlossen zu haben, war aber dazu auf Zuarbeit aus einer anderen Abteilung angewiesen. Der Mitarbeiter dort zeigte sich aber nicht nur sehr unkooperativ, sondern auch überheblich und herablassend, was mich sehr geärgert hat. Ich war dadurch nicht mehr in der Lage, den Liefertermin einzuhalten.
Mein Seeleheil hing also von dem Wohlwollen eines Anderen ab, der mir dies aber nicht entgegenbrachte. Und plumps, war ich wieder in der Depressions-Falle! Diese Situation kenne ich nämlich zur Genüge aus meiner letzten Beziehung und habe auch meine gesamte Kindheit in einer solchen Lage verbracht. Und dann gibt es da noch den Mann in meinem Kopf, der behauptet, genau da gehöre ich auch hin.
Inzwischen ist mir aber klar geworden, dass weder mein Seelenheil von der Einhaltung des Liefertermins abhängt noch ich mir irgend was zuschulden hätte kommen lassen, da die Erfüllung des Auftrags ja nicht in meinem Einflussbereich lag. Ich habe meinem Auftraggeber die Gründe für die Verzögerungen genannt und meinen Chef gebeten, die Kommunikation mit meinem Zulieferer zu übernehmen. Ich habe beiden außerdem gebeichtet, dass dies der Grund für meine Krankmeldung war, dass mich die Ignoranz und Arroganz des Kollegen überfordert hat. Dadurch habe ich die Verstrickung aufgelöst, und es ging mir schlagartig wesentlich besser. Mein Auftraggeber hatte selbst vor 6 Jahren Burn-Out und hat dadurch seinen Job verloren, und mein Chef hat auch meine beiden depressiven Episoden miterlebt, beide sind also verständnisvoll, was das betrifft.
Schon krass, wie man aus reiner Gewohnheit immer wieder in die selben Fallen tappt. Aber die ganze Sache hat mich wieder ein kleines Stück weiter in die Bewusstheit gebracht. Ich bin meinem Ar., dem unkooperativen Kollegen, dafür dankbar, dass er mich mit meinen offenen Wunden konfrontiert und mir die Chance zum Heilen gegeben hat, die mir sonst entgangen wäre.
Jetzt fühle ich mich besser gewappnet für den nächsten Schritt auf der Medikament-Absetzen-Leiter. Ich halte weiterhin daran fest, am 13. November von 15 mg Mirtazapin auf 600 mg Johanniskraut umzusteigen. Ich habe das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Der Mann im Kopf wird dadurch zwar vermutlich an Macht gewinnen, aber wenn ich weiter aufmerksam und achtsam durchs Leben gehe, dann werde ich ihm schon auf die Schliche kommen, auch beim nächsten Mal wieder.
05.11.2011 15:30 •
#45