Guten Morgen!
Wenn wir hier von unseren Erfahrungen sprechen, möchte ich dazu auch noch was sagen.
Ich war grundsätzlich immer gegen Medikamente. Egal ob Kopfweh, Infekte oder sonst was. Dass ich jemals Psychopharmaka nehmen würde, hätte ich niemals gedacht.
Als meine Krise damals , gefühlt von heute auf morgen, begann, habe ich sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt und mich bereits nach einer Woche um Psychotherapie gekümmert.
Die damalige Therapeutin war zuversichtlich: Das schaffen wir ohne Medikamente.
Meine Symptome wurden von Tag zu Tag schlimmer: Schlaflosigkeit, Herzrasen, Angst. Ca. zwei Wochen lang stand ich täglich bei meiner Hausärztin. Heulend und in Panik. Das gibt sich wieder, meinte sie.
Verwandte und Bekannte legten mir nahe, bloß keine Medikamente zu nehmen.
Am Arbeitsplatz war nichts mehr möglich und mein Chef, vor dem ich mich am meisten schämte, redete auf mich ein, ich solle mich behandeln lassen.
Ich merkte, dass ich immer tiefer rein rutschte. Essen, duschen, schlafen, nichts ging mehr. Das machte mir zusätzlich riesen Angst. Meditation, Spaziergänge, etc, nichts beruhigte mich. Der Schlaf fehlte mir. Ich fühlte mich, als wäre ich aus dem Leben gefallen, abgeschnitten von der Welt.
Schweren Herzens machte ich mich auf den Weg zum Psychiater, zog für ein paar Tage zu meiner Mutter und nahm abends meine erste Tablette. Heulend an der Hand meiner Mutter. Gefühlt, als wäre das nun der Todesstoss.
Ich schlief. War am nächsten Tag kaputt. Haderte mit der Situation.
Das Ganze zog sich eine Zeit lang, ich war krank geschrieben, ging stationär, erhöhte nicht die Dosis, war kritisch, setzte wieder ab.
Therapiefähig war ich nicht. Der Zustand änderte sich nicht wirklich.
Eine Reha folgte. Ohne Medikation.
Inzwischen war ein Jahr vergangen und schwere Herzens startete ich mit Sertralin. Ebenfalls, wie von Euch berichtet, Nasenbluten in der Nacht. Ich dachte, jetzt sterbe ich.
Umstieg auf Citalopram. Laaaaaangsame Dosissteigerung. Ich wurde ruhiger und konnte wieder schlafen. Endlich war auch Therapie möglich.
Nach und nach wurde ich wieder ich.
Ich war dankbar. Dankbar schlafen zu können. Essen zu können. Dankbar, dass ich wieder normal aussah (vorher hatte ich ein verbissenes Gesicht. Die Mundwinkel zogen immer nach unten. Die Zähne fest zusammen gebissen).
Dankbar, zu leben.
Mag sein, dass bei manchen kein Präparat verträglich ist. Mag sein, dass manche Depression von selbst ausheilt.
Wissenschaftlich belegt ist jedoch, dass die Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie die besten Erfolge erzielt. Und das ist es, was ich auch erfahren habe.
Es geht mir nicht darum Medikamente als Allheilmittel darzustellen, sondern den Menschen, die eine schwere depressive Episode haben Mut zu machen, doch was einzunehmen bevor sie an ihrer Krankheit zugrunde gehen.
Nachdem ich Jahre später eine weitere schwere Krise hatte, nehme ich noch immer mein Antidepressivum. Ich hätte schon längst die ärztliche Empfehlung zu reduzieren und abzusetzen, hatte aber Angst vor einem Rückfall.
Erst jetzt wage ich mich ganz lamgsam daran und reduziere: Es funktioniert.
Langsam. Gleichzeitig wieder Vertrauen zu mir zu finden. Mit dem Wissen, was mein Notfallplan ist: die von vielen verteufelten Psychopillen. Ja, das Gift.
Sorry für den Roman.
26.11.2019 10:25 •
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