Danke, liebe Sonnenblume! Mach dir bitte keine Gedanken, natürlich hast du nicht zuviel geschrieben!
Auch für mich ist dieses Thema ein Lebensthema. Solange ich denken kann, hat es mich immer stark beschäftigt und war wichtiger als alles andere.
Vor einer Weile habe ich wieder einmal in meinen Tagebüchern geblättert, und etwas gefunden, das ich mit 13 geschrieben habe. In dem Eintrag liste ich auf, welche Bereiche meines Lebens gut sind, und welche nicht.
Sinngemäß steht da, dass ich zwar gut in der Schule bin, aber meistens unglücklich, weil ich das Gefühl haben, nicht gemocht zu werden und dass mich keiner versteht. Ständig ist davon die Rede, wie traurig ich bin, dass mich jemand nicht eingeladen hat oder ich übriggeblieben bin, wenn es darum geht, Gruppen zu bilden oder Aufgaben zu verteilen. Ich bin in dem Alter auch oft mit Jugendgruppen verreist, und das, was du über deine Gruppentreffen schreibst, kommt mir ganz bekannt vor. Ich saß meistens still am Rand und habe zugesehen, und mir sehnlichst gewünscht, dass mich jemand beachtet. Ich habe kein Wort gesagt, aber verzweifelt gewartet, dass jemand mich bemerkt. Ich habe viel gemacht, aufgeräumt und organisiert, und saß dann dabei und hab mich nicht getraut, etwas zu sagen. Ich dachte, ich hätte etwas an mir, was die anderen dazu bringt, mich zu meiden. Und dass ich immer doppelt so hart arbeiten muss, damit man mich mag oder auch nur bemerkt. In der Zeit hatte ich eine einzige und beste Freundin, die ich sehr gern hatte. Sie war ganz anders als ich, auffällig, laut und ungezwungen. Mit ihr konnte ich locker sein und Dinge tun, die ich mich sonst niemals getraut hätte. Ich habe ihr total vertraut, so sehr, wie danach nie wieder einem Menschen. Als wir 17 waren, hatte sie ihren ersten Freund. Ich war damals viel zu schüchtern, und hab geglaubt, dass sich für mich nie ein Mann interessieren würde. Irgendwann habe ich gemerkt, dass sie sich von mir distanziert. Das Vertrauen, dass sie früher zu mir hatte, war weg. Sie meinte, sie sei jetzt ein anderer Mensch und hätte neue Erfahrungen gemacht. Wir hatten uns nichts mehr zu erzählen. Je mehr sie sich zurückzog, desto verzweifelter lief ich ihr hinterher. Bis sie mir eines Tages gesagt hat, dass sie nicht mehr so weitermachen möchte und mich nicht mehr sehen will.
Danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich bin einen ganzen Sommer nur zuhause gesessen, habe geweint und getrauert und fast nichts mehr gegessen. Es war mir einfach alles egal. Danach habe ich beschlossen, mich selbst neu zu erfinden. Als ich angefangen habe, zu studieren, war die Chance dafür da.
Ich habe im Wesentlichen nur Verhaltensweisen kopiert, aber ich hatte Erfolg. Manchmal denke ich, ich habe sie einfach imitiert, ihre Art zu sprechen, ihre unkomplizierten Umgangsformen, weil ich gesehen habe, dass solches Verhalten gefragt ist, und meine Art niemand versteht und will. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber mit einem Mal hatte ich buchstäblich tausend Freunde. Zu meinem nächsten Geburtstag kamen 20 Leute, zu meinem übernächsten schon 50. Ich habe nie etwas ernsthaftes von mir erzählt, war immer lustig, aufgeschlossen, nett und freundlich. Wie eine Maske, die ich morgens aufgesetzt habe und erst abends wieder ausgezogen habe. Ich war lustig. Immer lustig. Immer nett. Immer da. Wie eine Aufziehpuppe.
Um es kurz zu fassen: Das ist nach hinten losgegangen. Ich habe mich falsch gefühlt, wie jemand, der den anderen etwas vorspielt und nie er selbst ist. Und habe angefangen, denjenigen, die ich besonders mochte, wieder echte Teile von mir selbst zu zeigen. Ich musste es, denn ich war verzweifelt. Und habe wieder die Erfahrung gemacht, dass viele - nicht alle, zum Glück - damit nicht zurechtkommen und mich fallenlassen. Ach ja.
Ich würde so gern glauben, dass es in Wirklichkeit so ist, wie du sagst, dass man sich weniger Gedanken machen soll. Aber die meisten Leute haben die falsche Person, die ich ihnen vorgespielt habe, total gemocht und konnten mit der wahren Person, die oft traurig und selbstkritisch ist, nur wenig anfangen.
Ich denke oft, dass die meisten Menschen eigentlich verzweifelt sind, und es nur besser vor sich selbst verbergen können als ich. Was ich auch tue, es kommt immer wieder durch.
Wenn es ein Lebensthema ist, dann ist es wahrscheinlich auch eine Lebensaufgabe. Ich denke, es wird mich immer wieder einholen, so wie du es ja auch schreibst: Dieses Gefühl der Geborgenheit ist leicht zu erschüttern. Aber aufgeben werde ich nicht!
Danke, dass du mich verstehst.
Alles Liebe, Isi