Langsam fasse ich wieder ein wenig Mut, doch irgendwie weiterleben zu können. Einem Mitpatienten ist es vor 2 Tagen gelungen, mich aus meiner Erstarrung zu lösen und durch banales Tischtennis spielen Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich habe die erste Stunde seit dieser Tragödie weitgehend unbeschwert verbracht. Seither gelingt es mir immer öfter, mich auf die Ablenkung einzulassen. Wir reden, spielen Tischtennis oder andere Gesellschaftsspiele oder singen zusammen. Ein kleiner Lichtblick ...
Morgen habe ich einen Tagesurlaub, da fahre ich zum ersten Mal alleine in meine/unsere Wohnung. Ich will aufspüren, welche Orte so bleiben können und wo in der Wohnung vielleicht umgeräumt werden muss, weil die Erinnerung an Thomas doch zu schmerzhaft ist. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich jederzeit, spätestens aber am Abend, hierher in die Klinik zurückkehren kann, in die schützende Höhle. Zu den Pflegekräften besteht nun ein sehr intensiver Kontakt, sie spüren genau, wann es mir gut geht und wann nicht. Ich habe überhaupt keine Scheu mehr, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das schafft Vertrauen in diese Umgebung hier. Hier fühle ich mich sicher.
Und wenn der Tagesurlaub morgen gut gegangen ist, werde ich auch den Sonntag in meiner Wohnung verbringen. Muss ich aber nicht. Und auch das ist beruhigend.
Wut ist da, hilflose Wut, weil die Person, auf die ich wütend bin, nicht mehr greifbar ist ... Thomas. Ich fühle mich dieser hilflosen Wut viel zu oft ausgesetzt, ohnmächtig ihr zu begegnen. Ich brauche ein Ventil. Das haben mir nun die Pflegekräfte verschafft. Ich kann auf der Nachbarstation im Sportraum den Sandsack bearbeiten, wenn mich diese Wut wieder erfasst. Ich bin gespannt ob mir das hilft. Ansonsten hätten sie noch altes Geschirr, dass ich zerdeppern darf. Diese kreative Art der Pflegekräfte, sich um mein Wohlergehen zu kümmern, finde ich bewundernswert, rührend. Von Anfang an schon habe ich eine zweite Bettdecke in meinem Bett, die ich zusammenrolle und mich darin wie in ein Nest einkuschle. Das hilft mir über die einsamen Nächte.
Doch der Morgen ist nach wie vor sehr schlimm. Jeden Morgen wache ich auf mit der Erkenntnis, dass die Wahrheit von gestern auch heute noch gilt. Thomas ist nicht mehr da und wird nie mehr zurückkehren.
Und doch, es gibt einen Lichtblick ... einen kleinen ... dank der wirklich fürsorglichen Pflegekräfte und diesem Mitpatienten.
05.08.2011 18:41 •
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