Freund begeht Selbstmord und lässt mich allein - verstehe es nicht

M
Zitat von Missi:
Und dann war da am Mittwoch das fatale Personalgespräch, dessen Inhalt ich immer noch nicht kenne. Er ist wohl sofort beurlaubt worden,
Die sofortige Beurlaubung nach diesem Gespräch läßt einen wirklich vermuten, dass da etwas gravierendes vorgefallen ist. Kennst Du jemanden dort, mit dem Du einmal sprechen könntest?
Zitat von Missi:
Ich fühle mich verantwortlich für dieses Ende. Ich denke immer wieder, ich hätte vielleicht doch etwas dagegen tun können. Wäre ich doch gleich mittags zu ihm gefahren, dann hätte ich ihn aufhalten können ...
Missi, ich verstehe Deine Gefühle, aber Du bist nicht verantwortlich. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Ob Du ihn hättest aufhalten können, weiß kein Mensch - und selbst wenn....er hätte sich vermutlich einen anderen Zeitpunkt ausgesucht.
Ich fühle in jedem Wort von Dir Deine Verzweiflung aber entschuldige bitte, wenn ich darauf nicht weiter eingehen werde. Jeder Versuch von tröstenden Worten klingt einfach hohl. Trauende Menschen in meiner Umgebung nehme ich nur wortlos in die Arme, es gibt in dem Moment nichts hilfreiches zu sagen.....

31.07.2011 13:50 • #16


S
Wenn ich zur Ruhe kommen will, dann hilft mir u.a. immer dieses Lied (Stiller Ruhe):
Es spricht meine Seele wie die Seele vieler Anderer an. Vielleicht hilft es dir auch Missi.

31.07.2011 22:21 • #17


A


Hallo Missi,

Freund begeht Selbstmord und lässt mich allein - verstehe es nicht

x 3#3


Steffi
Das ist richtig schön, salamander Es hat etwas Aufbauendes.

Zitat:
Ja, er nahm Sertralin 50 mg, schon seit letztes Jahr Oktober. Aber erklärt das wirklich, was passiert ist?

Missi, ich hatte dir diese Frage gestellt, weil ich mich an Fernseh- und Zeitungsberichte erinnerte, die aufdeckten, dass durch die Einnahme gerade von Sertralin plötzlich Suizidgedanken entstehen können. Es gab einige Fälle in den USA, aber auch in Deutschland, wo depressive Menschen nach Einnahme von Sertralin in einer Art Kurzschlussreaktion sich das Leben nahmen, die vorher überhaupt nicht suizidgefährdet waren. Seither wird in den Beipackzetteln ausdrücklich darauf hingewiesen.
Daran erinnerte mich Deine Schilderung der Ereignisse.

Du beschreibst Thomas allerdings als einen Menschen, der schon länger unter einer Depression gelitten und auch das Sertralin schon eine Weile genommen hat. Insofern denke ich, scheidet meine Vermutung aus.

01.08.2011 16:09 • #18


Missi
Ich fühle derzeit eine Leere in mir, der Tag geht so dahin, irgendwie endlos die Stunden und ich darin ohne Ziel. Ich bin ruhiger, nicht mehr so sehr von heftigen Emotionen ergriffen, das machen sicher auch die Medikamente. Dennoch fühle ich, bin nicht abgestumpft. Seit Gestern bekomme ich deutlich weniger Beruhigungsmittel als noch davor. Aber es scheint, als irre ich ziellos umher. Manchmal weine ich, manchmal rede ich, ich esse, schlafe, wie in einem undimensionierten zeitlosen Raum.
Ich weiß nicht, ob ich mit den Therapeuten schon über Zukünftiges sprechen kann. Worüber denn? Zwei Wochen lang ist mein Sohn jetzt bei seinem Vater, da wartet niemand auf mich. Und dann? Soll ich jetzt nach Hause gehen? Oder später? Oder wann überhaupt? Oder wohin? Ziellos. Zeitlos. Leer. Ein absoluter Ausnahmezustand.
Ich kann kaum in Worte fassen, was ich fühle.

Ich habe hier Ergo-Therapie und male ein Bild. Jedesmal wenn ich ein Stück mehr gemalt habe, sitze ich am Ende davor und weine. Der Therapeut sagt mir, es ist Trauerarbeit. Ich male, was ich fühle, aber ich kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlt. Den Rest des Tages bin ich mir selbst ausgesetzt mit allen meinen Empfindungen. Ich bin nicht in der Lage, Kontakt mit den Mitpatienten aufzunehmen. Ich mag ihnen nicht zuhören, ich mag ihnen nichts von mir erzählen.
Mit den Pflegekräften auf Station kann ich manchmal reden. Sie nehmen sich immer Zeit für mich, wenn ich danach verlange. Dann lade ich all meine Gedanken bei ihnen ab und ziehe wieder weiter, um neue Gedanken aufzunehmen.

Und ich bekomme Besuch von einigen wenigen lieben Freunden und von meiner Tochter. Dann kann ich reden, über Thomas, über verlorene Pläne, über Zukunftsängste, über die Einsamkeit. Ich bin nicht allein und doch allein.

Morgen wären wir in unseren ersten gemeinsamen Urlaub gereist, nach Griechenland. Wir hatten so viele Pläne ...

02.08.2011 14:15 • #19


Glasscherbe
Liebe Missi,

mir fehlen nach wie vor die Worte ... ich möcht dich einfach nur mal virtuell in den Arm nehmen. Ich finde nicht die passenden Worte - vielleicht gibt es ja gar keine dafür.

02.08.2011 14:51 • #20


S
Liebe Missi,

ich lese auch jetzt erst, was du zurzeit durchmachst. Ich denke an dich.

Worte können dir wohl zurzeit nicht wirklich weiterhelfen. Nur die Tatsache, dass wir hier - wenn auch nur ganz weit weg - für dich da sein wollen.

Sera.

03.08.2011 16:37 • #21


Missi
Langsam fasse ich wieder ein wenig Mut, doch irgendwie weiterleben zu können. Einem Mitpatienten ist es vor 2 Tagen gelungen, mich aus meiner Erstarrung zu lösen und durch banales Tischtennis spielen Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich habe die erste Stunde seit dieser Tragödie weitgehend unbeschwert verbracht. Seither gelingt es mir immer öfter, mich auf die Ablenkung einzulassen. Wir reden, spielen Tischtennis oder andere Gesellschaftsspiele oder singen zusammen. Ein kleiner Lichtblick ...

Morgen habe ich einen Tagesurlaub, da fahre ich zum ersten Mal alleine in meine/unsere Wohnung. Ich will aufspüren, welche Orte so bleiben können und wo in der Wohnung vielleicht umgeräumt werden muss, weil die Erinnerung an Thomas doch zu schmerzhaft ist. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich jederzeit, spätestens aber am Abend, hierher in die Klinik zurückkehren kann, in die schützende Höhle. Zu den Pflegekräften besteht nun ein sehr intensiver Kontakt, sie spüren genau, wann es mir gut geht und wann nicht. Ich habe überhaupt keine Scheu mehr, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das schafft Vertrauen in diese Umgebung hier. Hier fühle ich mich sicher.
Und wenn der Tagesurlaub morgen gut gegangen ist, werde ich auch den Sonntag in meiner Wohnung verbringen. Muss ich aber nicht. Und auch das ist beruhigend.

Wut ist da, hilflose Wut, weil die Person, auf die ich wütend bin, nicht mehr greifbar ist ... Thomas. Ich fühle mich dieser hilflosen Wut viel zu oft ausgesetzt, ohnmächtig ihr zu begegnen. Ich brauche ein Ventil. Das haben mir nun die Pflegekräfte verschafft. Ich kann auf der Nachbarstation im Sportraum den Sandsack bearbeiten, wenn mich diese Wut wieder erfasst. Ich bin gespannt ob mir das hilft. Ansonsten hätten sie noch altes Geschirr, dass ich zerdeppern darf. Diese kreative Art der Pflegekräfte, sich um mein Wohlergehen zu kümmern, finde ich bewundernswert, rührend. Von Anfang an schon habe ich eine zweite Bettdecke in meinem Bett, die ich zusammenrolle und mich darin wie in ein Nest einkuschle. Das hilft mir über die einsamen Nächte.

Doch der Morgen ist nach wie vor sehr schlimm. Jeden Morgen wache ich auf mit der Erkenntnis, dass die Wahrheit von gestern auch heute noch gilt. Thomas ist nicht mehr da und wird nie mehr zurückkehren.

Und doch, es gibt einen Lichtblick ... einen kleinen ... dank der wirklich fürsorglichen Pflegekräfte und diesem Mitpatienten.

05.08.2011 18:41 • #22


L
du bist so so stark, das ist bewundernswert. du meisterst das alles so gut.

zwar kann ich deine situation quasi kaum nachvollziehen, trotzdem weiß ich, wie schmerzhaft es ist, wenn der, den man liebt, einfach weg ist.
und jeden morgen wenn man aufwacht ist das gefühl wieder da.

es ist so unfair, einfach zu gehen, einfach zu verschwinden, es ist so leicht, aber für die liebenden ist es so schwer, die lücke zu füllen.

ich wünsche dir ganz viel kraft, mach weiter so!

05.08.2011 18:53 • #23


S
Hallo Missi,

wie geht es dir? Ich denke oft an dich.

Sera.

05.08.2011 19:55 • #24


M
Liebe Missi,
Zitat von Missi:
Wut ist da, hilflose Wut,
Ich habe schön öfter gelesen, dass diese Wut ein ganz wichtiges Stück der Trauerarbeit ist. Verkloppe diesen Sandsack nur so doll es geht. Du scheinst es in dieser Klinik wirklich gut getroffen zu haben.

06.08.2011 10:53 • #25


Missi
Mein Besuch in meiner Wohnung gestern war sehr schmerzhaft. Seine Abwesenheit scheint mich aus allen Winkeln anzuschreien, kein Platz, keine Bewegung, kein Geräusch, das ich nicht irgendwie mit Thomas in Verbindung bringe. So lange ich mich noch beschäftigen konnte, war alles soweit okay. Aber als ich mich hinsetzte, wurde mir richtig übel vor Anspannung, Trauer, Einsamkeit. Und ich bin regelrecht aus meiner Wohnung geflüchtet.

Heute war ich nochmal da, ich hatte diesmal Begleitung. Und da war es schon deutlich besser. Wir haben uns umgeschaut und dann mit einer Tasse Kaffee auf mein Sofa gesetzt und geredet. Und langsam fing ich an, mich wieder in meiner Kuschelecke wohl zu fühlen. Nach ca. zwei Stunden sind wir wieder gegangen. Und so ist das Thema Wohnung nicht mehr ganz so negativ besetzt, wie noch gestern.

Es gibt ein Leben danach. Es fühlt sich an, als ob ich es neu erlernen müsste. Alles fällt viel schwerer. Und es schleichen sich auch immer wieder zermürbende Fragen ein, die ich niemals beantworten kann. Bei allem was ich tue, was mir ein wenig Freude bereitet, mischt sich immer ein bitterer Beigeschmack ein. Wo wäre ich jetzt, wenn Thomas noch leben würde? Was täte ich jetzt, wenn ...? Würde es diese oder jene Begegnung überhaupt geben, wenn ...?

Aber es ist auch so, als hätte ich jetzt eine Strategie entwickelt, mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen. Es ist mir möglich, mich abzulenken, wenn der Schmerz zu groß wird. Ich kann die Trauer heranholen, wenn ich mich damit auseinandersetzen möchte. Und meistens auch wieder wegpacken, wenn es genug ist. Die Momente, in denen mich die Trauer erfasst und überrollt, wie ein heranrasender Zug, werden weniger. Ich habe wieder ein wenig mehr Kontrolle über mich selbst.

07.08.2011 15:10 • #26


M
Wieder einen Riesenschritt geschafft Das liest sich alles schon ein bischen zuversichtlicher. Du findest Deinen Weg, mit dem Geschehen umzugehen

07.08.2011 16:42 • #27


S
Hallo Missi,

ich denke oft an dich.

Sera.

07.08.2011 17:29 • #28


Steffi
Hallo Missi, das sind positive Nachrichten - vorsichtig formuliert. Dass Du es geschafft hast, in Deine Wohnung zu gehen und später auch 2 Stunden dort zu bleiben, ist ein riesiger Schritt für Dich nach vorne. Es wird noch lange vieles schmerzhaft sein, aber Du lernst allmählich, besser damit umzugehen.

07.08.2011 21:07 • #29


A


Hallo Missi,

Partnerschaft, Familie & Angehörige Tipps

x 4#15


Missi
Heute wurde in der Visite erstmals das Thema Danach angesprochen. Es gibt die Möglichkeit einer Tagesklinik, das scheint mir ein guter Weg zu sein. Denn noch habe ich eine Riesenangst, irgendwann meine schützende Höhle hier verlassen zu müssen. Mit der Tagesklinik wäre der Bruch nicht ganz so heftig und ich kann das zu Hause Erlebte weiterhin mit entsprechender fachlicher Betreuung verarbeiten.

Jede direkte Zuwendung mit Dingen, die Thomas betreffen, tun unglaublich weh. Ich weiß mittlerweile, dass meine Fragen und Gedanken was-wäre-wenn zu keinem Ergebnis führen. Ich muss mit der Tatsache abfinden, dass es kein Zurück gibt. Thomas hat entschieden, ohne mich zu fragen. Das tut weh. Ich fühle mich betrogen um eine schöne Partnerschaft, um ein Leben mit einem wunderbaren Menschen gemeinsam. Ich durfte nur kurz davon kosten, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden und bedingungslos zu lieben. Warum nur so kurz? Wird mir das nochmal passieren? Kann ich mich je wieder darauf einlassen?

Ich möchte nur zu gerne die Zeit zurück drehen und Thomas vor diesem Schritt bewahren. Doch es geht nicht ... Ich muss mich abfinden mit etwas, dass ich nie gewollt, dass ich nicht geahnt habe, niemals in Betracht gezogen habe. Ich dachte, meine liebevolle Zuwendung reicht aus, mein Kümmern, mein Pläne-schmieden. Aber es hat für Thomas nicht gereicht. Er hat anders entschieden. Und es ist für mich einfach nicht nachvollziehbar, unbegreiflich, unfassbar. Und wird es wohl auch immer bleiben.

Ich fühle mich vom Leben betrogen ...

08.08.2011 18:40 • #30

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