Liebe Mas,
ich erhielt die Diagnose Hochbegabung in einer depressiven Krise mit 30 Jahren und musste mich da erstmal rauswühlen. Zunächst war ich überfordert, beides unter einen Hut zu bekommen. Es ist megafrustran, etwas Schwieriges lesen zu wollen und die mentalen Fähigkeiten reichen bei weitem nicht aus. Konzentration und Gedächtnis waren katastrophal, das stand der Hochbegabung im Weg.
Viele Jahre später habe ich endlich meinen Herzenswunsch, zu studieren, berufsbegleitend erfüllt. Da hat die Hochbegabung sehr geholfen: schnelle Auffassungsgabe, meist tiefes Verständnis der jeweiligen Materie, komplexes Denken in Hochgeschwindigkeit und natürlich die Motivation. Das hat dazu beigetragen, trotz der damaligen Lebenssituation (alleinerziehend mit krankem Kind) viel zu erreichen. Das war schon ein Kraftakt und ohne Hochbegabung hätte ich es nicht geschafft.
Für mich ist wichtig, das Gebiet der Hochbegabung einzugrenzen, um davon zu profitieren. Und es stellte sich schnell heraus, daß Lernen ohne zu büffeln und Hingabe zur Intuition zentrale Bereiche sind.
Hochbegabung und Hochsensibilität kommen oft zusammen, so daß die Glücklichen auch von ihrer überfeinen Wahrnehmung profitieren können. So habe ich mehrere Leben gerettet, weil ich fühlte, über hunderte Kilometer Entfernung, da stimmt etwas nicht. Es ist skurril und seltsam, aber besser geht es, wenn ich diese Fähigkeiten akzeptiere. Dann schwindet meine Unruhe.
Inwieweit sich das differenzieren lässt vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vermag ich nicht zu sagen. Der Flow, dh sich intensiv versenken in ein Themengebiert, kommt auch beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und zugleich der Hochbegabung vor. Das Buch von Csikszentmihalyi gelesen in den 1980ern hat sehr geholfen zu verstehen, da er viele Bücher herausgebracht hat, kann ich nur auf das erste Buch (?) verweisen.
Die Depression verstehe ich immer noch als Bremse und auch Ausdruck der Überforderung. Die Depression gibt das Tempo vor, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom die Machbarkeit und die Hochbegabung die Neugier, den Wissensdurst. In welcher Verhältnismäßigkeit Deine Symptome vorkommen, kann ein Hinweis sein, welchem Impuls nachgegangen werden kann, ohne krank zu werden. Also tut es Dir gut, Dich mental zu fordern oder ist das Zuviel und die Depression tritt auf den Plan... Dieses Ausbalancieren ist ein laufender Prozess, auch sich mit Unangenehmem zu identifizieren, um sich nicht zu überfordern, was in meinem Fall sofort eine depressive Verschlechterung bedeutet.
Das Kennenlernen der neuen Gegebenheiten ist auf jeden Fall spannend und braucht Zeit, nimm sie Dir.
Liebe Grüße
Alexandra
01.06.2020 16:00 •
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