Zitat von Greta:Egal, was es ist ... ich sehe um mich herum etliche Leute, die das alles schaffen, ohne zusamenzubrechen.
Da denke ich oft: Wie machen die das?
Ich war und bin immer ganz erstaunt, wenn Kollegen nach einem langen Arbeitstag sich noch zum Sport verabreden, zu einem Kaffeeklön, zu Geburtstagen gehen .... was auch immer.
Das kann ich überhaupt nicht!
Ich habe auf alles verzichtet (und musste das auch), damit die Energie für die Arbeit reicht.
Liebe @Greta - die Gesunden sind auch nur NormalneurotikerInnen!
Ich habe mich ja immer beruflich, privat und in meinen Ehrenämtern bis vor 4 Jahren kreuz und quer unter den sogenannten Normalos bewegt und auch meine FreundInnen galten bis auf einzelne als gesund.
Trotz meiner angeborenen A.DHS-Einschränkungen war ich von Kleinauf neugierig und gesellig überall unterwegs.
Und habe ja, lange schon, bevor ich überhaupt begriff, dass meine Probleme Krankheitswert haben müssen und noch viel länger, bevor ich überhaupt mit fast 50 Jahren meine Diagnosen endlich bekam, begriffen, dass sehr sehr wenige Erwachsene im Alltag sich richtig freuen und dass viele viele völlig erschöpft und überarbeitet sind. So kannte ich die Hausfrauen früher mit vielen Kindern, alleinerziehende Mütter mit Ehemann, und so kannte ich später meine FreundInnen ab Elternschaft spätestens auch und so kannte ich meine kinderlosen FreundInnen spätestens ab mehrjähriger Berufstätigkeit auch. So kannte ich alleinerziehende Mütter mit und ohne Ehemann und so kannte ich Leute, die daheim blieben und Angehörige pflegten.
Studienzeit, Berufseinstieg, das passierte noch - bei Gesunden - fröhlich und kraftvoll und mit After-Work-Parties und Fitnesscenter usw. Aber etwa ab 30 bis allerspätestens 35 Jahren bekam das Ganze eine Art Verbissenheit und Verkniffenheit und Spaßfreiheit, die entweder auf die Doppelbelastung mit Kindern verwies oder auf ein Workaholicleben, letzteres nicht mal unbedingt freiwillig.
Wenn ich in meinen Ehrenämtern mit Berufstätigen oder nicht Berufstätigen, mit Eltern oder nicht Eltern zusammensaß, z.B. mit lauter Leuten in ihren Vierzigern in unserer Kirchengemeinde, dann hatten alle gemeinsam, dass sie überarbeitet waren, auch im Ehrenamt hetzten, dass ihre Freude und ihr Lachen zu schrill waren und ihre Parties gierig nach Lebensgenuss und viel zu Alk..
Der Unterschied zu mir chronisch Depressiver war da, dass sie (noch) mehr Kraft hatten, aber sicherlich nicht weniger ungesunder Laster und Schlafstörungen, Aufputsch- sowie Beruhigungsmittelkonsum und Missbrauch von Alkohl ganz verbreitet.
Workaholicleben sind kranke Leben, ob sie so genannt werden oder nicht. Die mogeln sich genauso ihre Unordnung im Haus, ihre Fassadenaussehen, ihre ganzen Haushaltsvernachlässigungen hin wie ich als Antriebsarme mit Depressionen.
Die Fröhlichen, starken Gutverdiener mit Vollzeitstellen, die Feierabends noch mit Elan Hobbies frönen, die gibt es vielleicht noch in jungen Berufsenstiegsjahren, danach nicht mehr.
Es ist, das hat mir Till Raethers Buch gezeigt, eine doppelte Tragik: Die erste Tragik ist unsere menschliche Widerstandslosigkeit und Anspruchslosigkeit, Jahrzehnte auf Lebensfreude, Leichtigkeit und Zeiten, in denen wir uns nicht pausenlos zusammenreißen, zu verzichten.
Und dass das nur möglich ist, weil es alle machen und weil dadurch eben auch eine Arbeitswelt, in der auch Freude, Lachen und Leichtigkeit herrschen, nicht existiert. Die meiste Zeit des Tages stecken Berufstätige in einer solchen toxischen und deprimierenden Falle.
Ich sehe es doch jetzt, wo ich nach langer Zeit nicht depressiv bin: Die Welt bleibt genauso deprimierend wie aus meiner kranken Wahrnehmung. Darum ist mein Ton auch derzeit in einigen Dingen etwas scharf. Weil ich jetzt mit noch klarerem Blick all die Zumutungen sehe und die Menschens- und Lebensrechtverletzungen, die so unbewusst weitergelebt werden, dass ich 60 Jahre werden musste, um sie zu durchschauen, vorher hielt mich dieses Leben zu sehr im Hamsterrad.
Liebe Grüße! maya60