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Hochfunktionale Depressive

maya60
Hallo Zusammen, Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben? ist die ernst gemeinte Frage, die der Journalist Till Raether mal in seinem Artikel gleichen Titels in einer Frauenzeitschrift 2019 fragte und er bekam so wahnsinnig viele Zuschriften auf diesen Artikel, die er aus lauter depressiver Energielosigkeit gar nicht beantworten konnte.

Jetzt hat er ein biografisches Buch gleichen Titels darüber geschrieben und trifft mit seinen Erfahrungen auch mitten in mein Leben einer Frau, die Jahrzehntelang mit Depressionen lebte und mehr oder weniger funktionierte, erfolgreich: Eine hochfunktionale Depressive, die sich nie sicher war, ob sie schon depressiv war oder ob man das aushalten musste, sich nie zu freuen? Ob das das Leben halt war? Denn mit täglichem Zusammenreißen funktionierte ich ja immer weiter und weiter.

Und er beschreibt darin wirklich diese auch mir bekannte (und nach all den Zuschriften auf seinen Artikel hin anscheinend Unzählige mehr) Verfassung, in der man sich 25 bis 30 Jahre tagtäglich zusammenreißt.

Und obwohl man das immer noch kann, ist es dennoch immer so eine Zeit, während der man, wenn man ehrlich ist, nur die ganze Zeit im Bett liegen möchte. Aber weil man sich ja noch durch die Tage schleppt und aufrafft und selber in den Hintern tritt, darum muss man sich ja ewig weitersagen: Es geht ja noch. Das Leben ist eben schwer.

Aber dann, als man zum ersten Mal ein wirksames Medikament genommen hat, merkt man, dass man sich noch nie gefreut hat. Denn jetzt freut man sich auf Dinge und an Dingen.

Ja, man hat sich nie freuen können. Meistens war alles so grau und oft auch schrecklich niedergeschlagen, aber es ging ja mit Zusammenreißen immer weiter.

Und kein anderer merkte einem also was an.

Wie daueranstrengend das aber war, das merkte eben auch keiner.

Und so wünscht man sich schon manchmal, wirklich schwerer krank zu sein, damit endlich gesehen werden kann, wie sehr am Ende man eben schon die ganzen 25 bis 30 Jahre bisher war.

So und in vielen weiteren Einzelheiten aus dem Alltag beschreibt Till Raether sein Leben mit seiner leichten bis mittelschweren Depression, die er, wie ich damals auch, einmal im Jahrzehnt, wenn er zusammenbrach, psychotherapeutisch behandeln ließ, aber das hielt nicht lange an.

Auch Verhaltenstherapie half nur teilweise und zeitweise, aber das hielt nicht. Auch Medikamente helfen teilweise und zeitweise, aber das hält nicht.

Und erst, als Till Raether seine nicht dramatische aber andauernde Schwäche als dramatisch für ihn, der sich nie freuen konnte, einzustufen sich erlaubt und damit zu leben, offen und aus seiner Schwäche heraus, da fühlt er sich freier und froher.

Erst, als er sich nicht mehr zusammenreißt.

Erst, als er offen zu seiner nicht schweren Depression, die aber schwer genug ist, steht, nimmt er sich das Recht, sich auch freuen zu wollen. Das Recht, sich nicht immer grau oder niedergeschlagen zu fühlen.

Nicht mehr als hochfunktionaler Depressiver zu leben.

Er schreibt, dass die Leute uns hochfunktionalen Depressiven so lieben, weil wir ja alles persönlich nehmen und uns zusammenreißen und damit wahre Arbeitstiere sind. Denn in unserer Gesellschaft sollen wir ja gar nicht merken, wenn wir uns selber schädigen.

Gleichzeitig, schreibt er, hat die Gesellschaft aber auch Angst vor uns, weil irgendwann der Punkt kommen könnte, an dem wir nicht mehr ertragen können, was wir erleiden.

Und dann reden wir. OFFEN. EHRLICH.


Unterm Strich, was sind depressive Warnsignale, schon schwer erkrankt zu sein, auch wenn man noch funktioniert?

- Nie Freude

- immer der Wunsch, im Bett zu liegen und man tut das auch jede freie Minute

- man reißt sich immer nur zusammen

- Arbeitsmotivation ist täglich die schiere Versagensangst


Schon eine leichte Depression ist eine schwere Erkrankung. Funktioniert ja noch. ist nicht der Punkt. Und wie viele Zombies von uns laufen so Jahrzehntelang als hochfunktionale Depressive herum ohne Freude, weil es ja noch geht?

Nachdenkliche liebe Grüße! maya60

08.04.2021 20:07 • x 20 #1


Catalie
Danke @maya60 , dass liest sich fast als hätte ich es geschrieben. Das trifft mich gerade so tief, hab Tränen in den Augen.
Muss sofort gucken, dass ich diese Buch bestelle.
Danke, danke

08.04.2021 20:15 • x 3 #2


A


Hallo maya60,

Hochfunktionale Depressive

x 3#3


S
Danke, für den Tipp!

Hochfunktional und depressiv,
oft hab ich das Gefühl, wenn ich mit dem Funktionieren nachlasse,
Hat die Depression gewonnen.

Ich hab es jetzt als Hörbuch,
kann ich gut im Bett hören .
Bin gespannt !

08.04.2021 20:59 • x 3 #3


maya60
Hallo @Catalie und @Shana1967 - gut, dass ihr auch das Buch lest.

Es würde mich interessieren, ob ihr euch darin auch so wiederfindet?

In diesem jahrzehntelangen Funktionieren, obwohl es oft nur mit Zusammenreißen und ohne Freude ging.

Und eben auch in diesem Gefühl, das du nennst, Shana, dass einen dieses Funktionierenmüssen gerade noch zusammenhält.

Liebe Grüße! maya60

09.04.2021 05:41 • x 4 #4


Catalie
hello,

Zitat von maya60:
dass einen dieses Funktionierenmüssen gerade noch zusammenhält


so irgendwie fühlt es sich für mich auch an, Ich würde sogar sagen, bei mir ging es noch einen Schritt weiter, Ich (selbständig) habe mich oft mit Terminen zugeschüttet, weil ich da ja funktioniert habe, mich irgdenwie normaler fühlte, mich von der Erschöpfung ablenken konnt, ja durch zusammenreißen. Und auch, um eine Ausrede für mich selbst zu haben, warum Ich überhaupt immer erschöpft war.

09.04.2021 10:18 • x 5 #5


S
ich habe noch nicht angefangen mit dem Hörbuch, abends passt es besser.

Ja das kenne ich gut, durch Arbeit- Leistung -200% geben ist Erschöpfung ok,
gerechtfertigt und ablenkend vom eigenen Inneren, dass ja eh schon erschöpft ist.

Fatale Lebensführung,
Ich habe z.b. jetzt Angst wenn ich im Krankenstand noch etwas bleibe,
was dringend notwendig ist,
dass dann die totale arbeitsunabhängige Erschöpfung erst so richtig raus kommt.

09.04.2021 10:32 • x 3 #6


maya60
Zitat von Catalie:
hello, so irgendwie fühlt es sich für mich auch an, Ich würde sogar sagen, bei mir ging es noch einen Schritt weiter, Ich (selbständig) habe mich oft mit Terminen zugeschüttet, weil ich da ja funktioniert habe, mich irgendwie normaler fühlte, mich von ...


Ja, das beschreibt Till Raether ja auch. Solange er das noch aushielt, zählte er ja vor sich selber zu den Normalen, auch wenn er es besser wusste. Das kenne ich natürlich auch. Wie das Arbeiten ihn auch davon abhielt, mal genauer hinzusehen und wie er suchtartiges Bedürfnis nach Anerkennung und Erfolg mit Freude und Leichtigkeit verwechselt hat.

Besonders kann ich nachvollziehen, wie grässlich die WE waren mit großen Geselligkeiten, wo ich Null Lust dazu hatte und Kraft als Familienmutter wie er als Familienvater und wie man sich dadurchquälte.

Er war ja ständig von Schuld und Scham zerfressen. Das kannte ich am Anfang auch, aber hinterher kam mir das auch abhanden, als meine Depression dann schwer wurde.

Wie viele Jahrzehnte aber in diesem Nicht Fisch - nicht Fleischzustand vergetiert wird, weil das ja sich vom normalen Leben auch nicht sehr unterscheidet, das ist für mich ja die wahre Tragik.

Ich war ja bis jetzt zu meinem Ruhestand seit 4 Jahren immer sehr gesellig und privat und in Ehrenämtern anders als jetzt dauernd unterwegs oder hatte Full House mit 2 Großfamilien.
Und da ich ganz anders wirkte als ich mich fühlte, wie Till Raether es ja auch schreibt, erzählte mir quasi Jede und Jeder sofort seine Lebensdramen.

Schon von Jugendzeiten an. Mein Mann sagt immer, ich habe wohl ein therapeutisches Gesicht. (Heute nicht mehr.) Jedenfalls habe ich wieder und wieder und wieder von Jungan gedacht: Woah, mit was für Grauen, Verletzungen und Ängsten und Verhaltensstörungen alle heimlich sich rumschlagen. Es gibt wohl kaum Gesunde. Ich kenne keine.

Das ist für mich die wahre Tragik. Tragik Leistungsgesellschaft !

Erst über schwere Krankheiten gestehen sie sich das Recht zu, sich freuen zu dürfen, gerne leben zu dürfen, die Wahrheit über lebenslange Schwächen einzugestehen und diese Schwächen auch zu leben.

Und weil das so ist, darum dauert das ja auch Jahrzehntelang, ehe es rauskommt.

09.04.2021 10:35 • x 4 #7


maya60
Zitat von Shana1967:
ich habe noch nicht angefangen mit dem Hörbuch, abends passt es besser. Ja das kenne ich gut, durch Arbeit- Leistung -200% geben ist Erschöpfung ok, gerechtfertigt und ablenkend vom eigenen Inneren, dass ja eh schon erschöpft ist. Fatale Lebensführung, Ich habe z.b. jetzt ...


Ich habe mir 2017 in schwerster Depression mit 57 Jahren gesagt unter vielem anderen: So! Weil ich es gar nicht mehr kenne, wenn ich es überhaupt mal kannte, nicht erschöpft zu sein, darum bleibe ich jetzt im Rückzug und viel im Bett, bis ich nicht mehr erschöpft bin. Ich liege und sitze dieses Thema jetzt mal aus.

Jede Woche ging in mir wie eine Blütenreihe nach der anderen eine noch tiefere Erschöpfungstiefe auf. Kein Wunder, dass kein Urlaub je Erholung brachte.

Als ich endlich mal Erschöpfungsfrei war, obwohl ich doch viel lag und alles außer den nötigsten Alltagsaufgaben aufgab, da waren Jahre vergangen. Mit bester medikamentöser und psychotherapeutischer und spiritueller Unterstützung!

Jetzt nach 4 Jahren zum ersten Mal ohne chronische Erschöpfungsdepression seit Anfang Februar!

09.04.2021 10:44 • x 5 #8


S
Maya, genau DAS ist meine Sorge

Das ein endlos langer Erschöpfungsprozess folgt,
wenn ich aus dem Hamsterrad aussteige,
In dem ich weiter und weiter den Halt und die Balance verliere.

Wieder Lebenszeit, in der ich mich nicht an meinem Leben erfreue.

P.s.1ich hab dich früher schon gelesen,
Jetzt empfinde ich deine Texte mit viel mehr Schwung und Farbe

P.s.2Danke , dass du diese Strang eröffnet hast,
Ist sowas von meine Baustelle 1 im Moment

09.04.2021 10:50 • x 3 #9


Greta
Danke, liebe Maya60, für den Tipp. Ich werde mir Till Raethers Buch gleich besorgen.

Zitat von maya60:
Aber dann, als man zum ersten Mal ein wirksames Medikament genommen hat, merkt man, dass man sich noch nie gefreut hat. Denn jetzt freut man sich auf Dinge und an Dingen.


Das berührt mich sehr. Es erinnert mich an den Tag, an dem ich nach längere Arbeitsunfähigkeit eines Morgens aufstand und mich richtig gut fühlte. Ich war total erstaunt, kannte dieses gute Gefühl gar nicht mehr und dachte nur:
So kann das also sein.

Zitat von maya60:
Und wie viele Zombies von uns laufen so Jahrzehntelang als hochfunktionale Depressive herum ohne Freude, weil es ja noch geht?


Nach vier Monaten Arbeitsunfähigkeit versuche ich gerade, wieder zu funktionieren und bin in der letzten Woche mit der Wiedereingliederung gestartet. An meine Lebensfreude habe ich dabei gar nicht gedacht sondern nur daran, dass ich die Arbeit wieder schaffe. Wie sehr ich mich doch über meine Leistung definiere, erkenne ich soeben erst beim Lesen dieses Threads.

09.04.2021 11:57 • x 7 #10


S
Die Stimme des Hörbuchs ist ganz angenehm

@ Greta,
Ich war vor 10 Jahren ungefähr so lange wie du im Krankenstand.
Die ganze Zeit, samt psychosomatischer Klinik war mein Fokus arbeits - und leistungsfähig wieder zu werden!
Hauptsache ich brings wieder an der Arbeitsstelle,
egal wie und zu welchem Preis
So schnell wie möglich.
Mein Wert ist so unmittelbar verknüpft mit Leistung.
Erschreckend!

09.04.2021 12:05 • x 5 #11


E
Ich finde den Thread hier mega interessant und lese völlig fasziniert mit, weiß aber jetzt schon genau, dass ich mir dieses Buch nicht zulegen möchte... und zwar genau deswegen. Weil es mich ja vielleicht dazu bringen würde, nicht mehr zu funktionieren.

Vielleicht, wenn die Kids größer sind.

09.04.2021 12:25 • x 5 #12


maya60
Zitat von Shana1967:
Maya, genau DAS ist meine Sorge Das ein endlos langer Erschöpfungsprozess folgt, wenn ich aus dem Hamsterrad aussteige, In dem ich weiter und weiter den Halt und die Balance verliere. Wieder Lebenszeit, in der ich mich nicht an meinem Leben erfreue.


Wieviel und wann wer aus welchem Hamsterrad aussteigt, ist individuell sehr unterschiedlich und hängt auch von so vielem, von Alter, Verpflichtungen und Alternativen und Depressionsschwere ab. Das will lange und gut ausgetestet und überlegt werden. Arbeitslosigkeit ist nämlich auch Superstress. Und unsere Gewohnheiten sind noch zu sehr an geraden, langen Wegen immer in eine Richtung festgetackert.

Viele meiner Lebensüberanstrengungen würde ich lieber noch einmal wählen als deren Alternativen damals, nämlich das Nichts. Damals, als es im öffentlichen Bewusstsein weder ADHS, PTBS, noch Angststörungen oder Depressionen gab.

Unsere Welt wird aber immer vielfältiger kleinstückiger mit kleinen Ressourcen überall und auch hoffentlich nach und nach die Arbeitswelt so wie die privaten Lebensformen. Wenn die menschlichen Leben schon, wenn wir ehrlich sind, bei den allermeisten ein Stückwerk sind, dann kann man sich ja vielleicht schönere Stücke aussuchen für schöne Lebens-Mosaike, weil für mehr die Kraft nicht reicht, wenn man mal alle alten Zöpfe von geraden und vorbildlichen Lebenswegen abschneidet und in die Tonne kloppt und und sich in der bunten gefährlichen Welt umschaut wie sie wirklich ist.

Ganz auf Null zu schalten war mein Weg mit meiner Spiritualität und als Mystikerin in lebensbedrohlich schwerer Depression. Für die meisten andren wäre das zu vereinsamend und zu deprivierend und deprimierend gewesen.
Ich lebte ja wie im Lockdown, so zurückgezogen.

Liebe Grüße! maya60

09.04.2021 12:26 • x 2 #13


maya60
Zitat von ClaraFall:
Ich finde den Thread hier mega interessant und lese völlig fasziniert mit, weiß aber jetzt schon genau, dass ich mir dieses Buch nicht zulegen möchte... und zwar genau deswegen. Weil es mich ja vielleicht dazu bringen würde, nicht mehr zu funktionieren. Vielleicht, wenn die Kids ...


Ich weiß, was du meinst und Till Raether sieht das auch und schreibt das so in seinem Buch. Nicht aus Doofheit machte er solange weiter und änderte erst was, wenn es gar nicht mehr ging oder wenn er eben bessere Alternativen fand.

Freiwillige Arbeitslosigkeit und Armut sind keine Alternativen.

Ich bin selber bis zum bittersten Leid im Hamsterrad geblieben, solange die Alternativen für mich und andere zu grässlich gewesen wären.

Weniger muss eben mehr sein, um besser zu sein. Weniger kann nicht das NICHTS sein oder noch mehr Leid.

Wäre das alles so schnell und gut zu ändern, dann steckten nicht so unzählig viele Jahrzehntelang drin, blind und verdrängt. Die schnellen Lösungen gibt es eben meistens nicht. Ebensowenig wie das faire Leben, das leichte Leben und die schöne Friedenswelt.

Aber sich dieses Ganze mal bewusst zu machen durch Till Raethers Offenlegen von Unerhörtem, tut mir gut und garantiert schult es meinen Blick und greife ich zu, wenn in dem Sinne was in meinem Leben zu verbessern ist.

09.04.2021 12:40 • x 5 #14


A


Hallo maya60,

x 4#15


S
Maya,
Genau so empfinde ich es auch.
Mich stresst ja schon die Krankschreibung ungemein,
Geschweige denn eine Arbeitslosigkeit.
Sich mit Krankenkasse oder Agentur für Arbeit rumzuärgern,
stelle ich mir sehr nervenaufreibend vor.
Gut und überlegt für mich und meine Kräfte .
Da kann ich eh nur auf Sicht entscheiden.
Keinen Plan.
Abwägen.
Zu meinem psychischen Wohlwollen.
Ich brauch jetzt eine AusZeit.

09.04.2021 12:41 • x 3 #15

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