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Mein Tagebuch

Nuala
Mittlerweile bin ich Mitte 50.
Demnach müsste ich eigentlich zu den alten, älteren gehören.
Als Kind dürften Leute meines Alters für mich uralt gewesen sein.
Und selbst als Studentin dürfte ich das so empfunden haben.

Manchmal denke ich an die Eltern einer Schulfreundin Sonja. Wir waren auch noch im Studium in Kontakt.
Ich erinnere mich, wie wir mit ihrer eher konservativen (Vater Professor) Familie am Tisch saßen.
Sie luden mich manchmal zum Essen ein. Insbesondere am an Weihnachten - immerhin am 2. Weihnachtstag - fand ich das wirklich nett.
Es kommt mir vor wie gestern. Ihre Eltern dürften damals auch Mitte 50 gewesen sein.
Und jetzt bin ich so alt wie die damals waren. Aber ich bin doch immer noch dieselbe wie damals Mitte/Ende 20.

Der Kontakt ist verloren gegangen. Die Eltern bauten weiter weg in Köln ein neues Haus.
Meine Freundin studierte Medizin, dann Zahnmedizin in einer anderen Stadt. Kam aber häufiger nach Hause.
Sonja hatte einen Freund namens Tim, der damals wohl schon fertiger Arzt war und im angrenzenden Ausland arbeitete.
Später saß dann auch noch die Freundin des Bruders meiner Freundin mit am Tisch.

Gerne erinnere ich mich daran zurück. Es war auch eine Art Familienersatz.
Und ich bewunderte die gehobenen, perfekten, harmonischen Verhältnisse.
Alle schlank, beide Kids studieren und erwarben später - wie erwartet - Doktortitel.
Vor dem Vater hatte ich etwas Angst.
Ich glaube, zu Schulzeiten war ich schon dort gewesen. Natürlich wurde ich etwas ausgefragt und konnte dem nicht wirklich gewachsen sein.
Ich wollte schon gar nicht mehr kommen. Ich glaube, Sonja hat hinter meinem Rücken eingegriffen.
Obwohl sich wohl jeder Mensch gefragt hätte, warum ich endlos studiere - nie wurde ich darauf angesprochen.

Sie erzählte mir mal, der Vater würde darauf bestehen, dass am Wochenende alle um 10 Uhr fertig angezogen am Frühstückstisch sitzen.

Ein Mal diskutierten wir ein politisches Thema. Die Familie waren CDU Wähler. Er beendete das Gespräch mit dem Satz.
Meine Ansicht habe Stammtisch-Niveau.

Sonja erzählte häufiger lachend, ihr Vater würde an der Uni jedes Jahr die Saure Zitrone für Unbeliebtheit bekommen.
Sein Büro sei wirklich sehr klein und sie habe sich früher geschämt, weil der Vater damals nur einen Peugeot gefahren sei.

Auch für ihre Mutter (studierte Hausfrau) würde sie sich manchmal schämen, weil sie zuhause in altmodischer Kleidung herumlaufe und wie eine Putzfrau aussähe. Sie hatten natürlich jemanden, der beim Putzen half.

Sie könne nicht mal Autofahren. Sie sei ausgerechnet in ein Polizeiauto gefahren und habe die Hoffnung auf den Führerschein aufgegeben.

Ich mochte Sonja irgendwie. Wie hatte sie nach der Schule nur noch die Energie für Violin- und Klavierstunden. Und noch Ballett?
Ich bewundere sie. Ich wäre gerne so wie sie.


Meine Freundin Sonja ist mit ihrem Freund anscheinend nicht mehr zusammen.
Sie wollte wohl nie reine Hausfrau sein. Ob sie Kinder mag oder wollte, weiß ich nicht.

Ich google sie zeitweise. Es gibt ein paar Fotos und ich speichere sie. In Norddeutschland - weit weg - arbeitet sie zur Zeit.
Als Kieferorthopädin in einer Klinik.
Sie lächelt auf den Fotos. Irgendwie ist sie wohl sowieso seelisch ausgeglichener als ich. Sie hatte sicherlich weniger Probleme als ich im Leben. Aber evt. wäre sie auch mit meinen Problemen ausgeglichener, gesünder.

Sie hat immer noch ihre roten Haare. Sie dürften inzwischen gefärbt sein. Ihre sehr helle Haut mit einigen Sommersprossen zeigt milde Sonnenschäden. Die Haut scheint auch trocken zu sein.

Ich fand ein aktuelles Foto von ihr und grübelte gleich. Sie ist jetzt so alt wie ihre Eltern damals waren, als ich mit am Tisch saß. Kaum zu glauben.
Ich weiß ja noch, wie sie früher aussah und finde, so sehr verändert hat sie sich nicht. Ihre Eltern kannte ich jung ja nie.

Man muss schon selbst ein gewisses Alter haben, um das Älterwerden anderer beobachten zu können.

Ich weiß nicht wie es dazu kam, aber ein Mal machte der Ex-Freund Tim mit mir im Sommer eine mehrstündige Radtour in die Umgebung.
Meine Freundin mochte kein Radfahren.
Wir unterbrachen unsere Tour in einem Restaurant-Café. Es war herrlich gelegen. Ein klassizistisches Schloss ganz in weiß, mit weißer Kieselstein-Terrasse. Wirklich idyllisch.

Und plötzlich tauchte meine Freundin Sonja (alle Namen geändert) auf. Ich war wirklich sehr überrascht. Sie setzte sich zu uns und bald fuhren wir weiter. Ob es Eifersucht war? Sonja zeigt keine Schwächen. Sie würde es nie zugeben.
Ich selbst war stets derart beladen mit Problemen - ich hätte S nie einen Grund zur Eifersucht gegeben. Daran habe ich keine Sekunde gedacht. Ich mochte S. ja auch. Und warum sollte sich ein Arzt für mich interessieren?
Ich studierte zwar, aber gesundheitliche Probleme verzögerten alles, ich musste 2 Examina bewältigen und ich ahnte, dass
meine berufliche Karriere gar nicht starten wird.

Obwohl diese Radtour über 20 Jahre her sein dürfte, erinnere ich mich an einen Satz von Tim Ich sei auch eine besondere Frau.
Später holte er mich ein Mal mit seinem Oldtimer ab und wir drehten eine Runde.

Die Partnerschaft zwischen beiden schien mir harmonisch zu sein. Meine Freundin - aus besserem Hause - erzählte, er habe ein problematisches Elternhaus und eine irgendwie problematische Schwester. Man habe ihm erst mal Grundregeln des guten Benehmens beibringen müssen.

Als ich ein Mal unter extremem Liebeskummer litt, durfte ich einige Tage zu ihnen kommen. Sonja mit mir in seiner Wohnung.
Dafür bin ich sehr dankbar. Leider war ich untröstlich verliebt und extrem schwer (verbal) verletzt worden. Diese klaffende seelische Wunde wollte einfach nicht verheilen. Was auch immer ich versuchte.
Ich erinnere mich noch. Sonja sagte später, das seien schwierige Tage für sie gewesen.

Darüber hinaus wurden meine Schmerzen für sie sichtbar. Ich konnte schon lange keine längere Zeit stehen, gehen.
Natürlich fragte ich auch sie um Rat. Sie machte ein paar Tests und schloss alles mögliche Erlernte aus und meinte lapidar, ich würde unter dem Tod meiner Mutter leiden. Dieser mag damals ca. 2 Jahre her gewesen sein.

Neulich habe ich Tim gegoogelt. Er hat die Stelle gewechselt. Er arbeitet wieder näher an seinem Zuhause, ganz hier in der Nähe. Er hat 3 YT-Videos hochgeladen. Aus seiner Klinik - er informiert über seinen Fachbereich in 3 Sprachen.
Er hat sich nicht sehr verändert. Ob er sich seine Haare auch färbt? Auf einem Video ist er unrasiert.
Ob er verheiratet ist?
Ich könnte auf YT einen Kommentar schreiben - den einzigen. Ihn grüßen.
Meine Selbstprognose von damals hat sich bewahrheitet - Ich bin ein akademischer Sozialfall. Was will so jemand mit mir?
Zudem bin ich deprimiert. Derart deprimiert, dass eine Partnerschaft das wahrscheinlich nicht ändern würde. Für Kinder ist es zu spät. Und überhaupt: Ich könnte geschlechtslos sein. Vielleicht es ist auch nur Schüchternheit. Wie dem auch sei: Wer will eine Partnerschaft ohne S.?

Ich bin mir nicht sicher. Vor ca. 10 Jahren ging ich am hiesigen Weihnachtsmarkt vorbei und glaubte, ihn alleine dort stehen zu sehen. Er oder jemand schaute mich aus der Ferne freundlich an. Aber ich war wohl in deprimierter Stimmung oder spontan überfordert und ging einfach weiter.

Ich habe viel Zeit und viele Jahre, auf die ich zurückblicken kann. Ich vermisse diese Zeit.
Das ist vielleicht typisch für die 50er. Man wird langsam alt und es geht in so vieler Hinsicht bergab.
In jüngeren Jahren ist man hoffnungsvoll, man hat noch so vieles vor sich. Endlich hat man die Schulzeit hinter sich. An der Uni herrscht Freiheit. Reisen, die Welt sehen. Dinge ausprobieren und entdecken.

Und jetzt bin ich genauso alt wie die Eltern von Sonja damals - und die kamen mir damals schon relativ alt vor.

29.12.2021 16:29 • x 4 #1


Nuala
Wie die Zeit vergangen ist...
Es kommt mir vor, als hätte ich gestern mit Sonja's Familie am Tisch gesessen.
Und auch so, als wäre alles exakt so wie damals, würde ich jetzt dorthin gehen.
Ich würde mich dort auch immer noch genauso fühlen.
Dabei wohnen sie dort längst nicht mehr.

In Bezug auf mein Alter stelle ich seit einigen Jahren eine Berechnung an.
Denn ich bin mittlerweile in demselben Alter, in dem mein Vater seine Krebsdiagnose bekommen haben muss.
Er war Mitte 50 damals. Er müsste ca. 56-57 gewesen sein.

Meine sind relativ späte Eltern. Mein Vater kam mir damals mit Mitte 50 doch auch recht alt vor. Von ihm habe ich wohl leider die Tendenz zum Übergewicht geerbt. Auch die Farbnuance der Haut und der Haare. Er wurde jedoch anders als ich früh grau. Auch hatte er evt. recht wenig Haare. Er hatte einen unmöglichen Haarschnitt. Der Minister Winfried Kretschmann hat denselben. Einen Klobürsten-Schnitt also.
Insgeheim fragte ich mich immer, warum er sie nicht wachsen läßt, damit sie nicht mehr stehen...

Meine Eltern waren leider beide starke Raucher...
Mein Vater bekam die Diagnose Lungenkrebs. Er war Ingenieur. Das Unternehmen, für das er arbeitete, schloss als er ca. 50 Jahre alt war. Danach fand er Arbeit in arabischen Ländern...

Ich hatte damals gerade das Abitur gemacht. Mir war klar, dass ich unbedingt studieren will. Ich weiß noch, ich war damals unendlich froh, endlich frei zu sein, länger als 6 Wochen Ferien zu haben.
Ich bekam einen Studienplatz für BWL in einer Nachbarstadt. Ich schaute mir das bewaldete Unigelände an und fühlte mich deprimiert. Diesen Studienplatz wollte ich nicht annehmen.

Da ich gerne reise, kaufte ich mir zusammen mit einer anderen Schulfreundin Anne ein Interrail-Ticket. Wir fuhren in den Süden, aber mir wurde es in Italien zu heiß. Also trennten wir uns und ich fuhr hoch in den Norden, nach Skandinavien. Ich schaute mir Städte in Dänemark, Schweden und Norwegen an.

In Norwegen kam mir die Idee, erst einmal als Au-Pair in Oslo zu arbeiten. Ich blieb also dort und verschliss in 3 Monaten gleich 2 Familien: Ich fühlte mich sehr einsam. Es wurde schon um 15 Uhr dunkel. Niemand war auf den Straßen.

Es gab ein dänisches Au-Pair in einer befreundeten Familie. Sie kümmerte sich um ein Baby. Ich war erstaunt, wie fröhlich und glücklich sie schien.
Sie hatte auch keine nennenswerten weiteren Kontakte.

Kurzum: Vor Weihnachten war ich schon wieder zuhause.

Mir kam der Gedanke, Architektur könnte ein interessantes Studium sein. Das konnte man hier vor Ort an einer FH studieren. Im Januar begann ich das notwendige vorherige 3-monatige Praktikum in einer kleinen Schreinerei.

Das Milieu schockte mich etwas. Die wenigen 3-4 Angestellten ignorierten mich.
Überall Holzstaub in der Luft. Nicht ideal mit u.a. einer Stauballergie.
Damals herrschten im Januar oft tiefe Minustemperaturen. Ich fror bei Minus 15 Grad entsetzlich und erinnere mich an ein Metallfass, in dem ein Feuer loderte. Dort stand ich und wärmte meine Hände.
Ich stand nur herum. Es gab nichts für mich zutun.
Eines Tages fuhren wir mit einem Pritschenwagen zum nahegelegenen Amts-und Landgericht, um Stühle zwecks Restauration abzuholen.
Ich bin mir eigentlich sicher, dass ich das Gebäude noch betreten haben muss.
Stühle getragen und zurückgefahren bin ich jedenfalls ganz sicher nicht mehr.
Ich tauchte dort nie wieder auf...

Stattdessen schrieb ich mich für das Sommersemester in Jura ein. An der wunderschönen Campus-Uni hier vor Ort.

Und im 1. oder 2. Semester dann die schreckliche Diagnose meines Vaters.
Er hatte - anders als meine Mutter - nie viel gehustet. Ich glaube, er hatte plötzlich blutigen Husten...

Mein zweiter Umzug fand statt... Der soziale Abstieg begann.
Mit ca. 15 Jahren vom Dorf mit eigenem, schönen Haus mit großem Garten in die Stadt in ein Reihen-Miethaus. Und nun in eine Wohnung in einem Hochhaus.

Meine Mutter richtete diese Wohnung nicht mehr wirklich her. Sie beließ es bei einer Art Filzauflage für den Flur. Es gab nur noch 2 Zimmer. Meine Schwester studierte schon andernorts. Also das größere (kleine) Zimmer für meinen 1 Jahr jüngeren Bruder und ein winziges Zimmer 6-8qm für mich.
Trotz schönem Ausblick aus dem vllt. 4 Stock: Ich fand es sehr deprimierend.

Ich hatte Anspruch auf BaföG und suchte mir ein Zimmer in einer WG.

Trotzdem besuchte ich meine Mutter regelmäßig. Mein Verhältnis zu ihr war immer gut. Mein Vater war mir fremd geblieben. Er redete eigentlich gar nicht mit uns Kindern. Überhaupt war es schweigsam zuhause.

Meinem Vater wurde ein Lungenflügel entfernt und er hatte Hoffnung. Er hörte sofort mit dem Rauchen auf. Er erwähnte mal, er habe schon mit 6 Jahren mit dem Rauchen begonnen. Er war nun also immer zuhause. Er konstruierte/bastelte einige historische Schiffe.

Ich weiss noch, dass wir ein Mal im Herbst mit dem VW-Bus nach Venedig fuhren. Ob meine Mutter veranlasst hat, dass mein Vater und ich mal zusammen spazieren gehen? Es war natürlich auch wortlos...

Ich weiß noch, einmal fragte ich ihn im Auto. Was im Englischen eigentlich der Unterschied zwischen I und Me sei. Wann man was benutzen würde: Keine Antwort.

Ich weiß auch noch, dass ich ihm im Alter von ca. 15-16 einen Brief per Airmail nach Saudi-Arabien oder Kuwait geschickt habe: Keine Reaktion.

Er wollte, dass meine Mutter nachkommt und ich war 1,5 Jahre (10. und halbe 11. Klasse) im Internat...

Ca. 3 Jahre nach der Diagnose hatte er dann Metastasen und eine Hirn-OP. Ihm fehlte danach ein Teil der Schädeldecke und er hatte einen intraoperativen Schlaganfall erlitten. Er machte Übungen, war motiviert. Trotzdem baute er allmählich ab und wurde immer dünner.

Er lag gegen Ende in einem Pflegebett im Zimmer meines Bruders.

Ich erinnere mich noch an einen seiner seltenen Sätze:
Er war im Wohnzimmer schaute mich an und sagte: Ich kann mittlerweile kaum noch atmen.

Ich war hilflos und habe nicht reagiert. Niemand umarmte sich in meiner Familie. Er war mir fremd. Hat er mich denn überhaupt geliebt?

Er kam zu einer letzten Bronchoskopie ins Krankenhaus. Es kam ein Anruf, er sei verstorben. Er sei nach der OP aufgewacht und habe (versucht?) sich den Beatmungsschlauch herauszuziehen.
Das hört sich sehr grausam an. Hoffentlich ist die Palliativmedizin heute weiter.

Er ist mit 59 Jahren gestorben.

Mittlerweile habe ich längst beide Eltern verloren. Sonja meinte, ich solle froh sein, dass ich es hinter mir habe. Ob sie das ernst gemeint hat?

29.12.2021 19:00 • x 4 #2


A


Hallo Nuala,

Mein Tagebuch

x 3#3


Nuala
Obwohl es mir generell sehr schlecht geht, versuche ich mich derzeit mal wieder zu wehren.
Schließlich habe ich Jura studiert und man darf sich nicht alles gefallen lassen.

Ich habe es gewagt, obwohl ich spüre, dass es mich überfordern könnte. Es ist zusätzlicher Stress. Und phasenweise geht es mir so schlecht, dass ich den Briefkasten nicht öffnen kann.
Aber das weiß ja niemand. Und die sowieso nicht: Meine Bank.

Im Sommer erfuhr ich aus dem TV, dass es ein neues BGH Urteil gäbe. Von den Banken verlangte Kontoführungsgebühren seien rechtswidrig. Kunden wurden über Erhöhungen nur informiert. Erforderlich sei jedoch die ausdrückliche Einwilligung.

Ich fand im Internet Musterschreiben und bediente mich einer dieser Vorlagen.
Die Antwort der Bank kam prompt. Man würde sich über mein Verhalten sehr wundern. Schließlich habe ich von den Erhöhungen gewusst.
Ich solle Unterlagen beibringen, aus denen sich ein Anspruch ergäbe. Man würde das prüfen und gegebenenfalls zahlen.
Man würde sich jedoch vorbehalten, mir zu kündigen.
Eine brenzlige Situation - als Sozialfall.

Ich war geschockt. Im Internet die Info, dass eine Kündigung aus diesem Grund rechtswidrig sein dürfte. Doch fände man als Sozialfall überhaupt einen Rechtsanwalt?
Ich rief zwei Verbraucherzentralen an. Man machte mir Mut, auf meinem Recht zu bestehen. Leicht gesagt...
Geistesgegenwärtig eröffnete ich für alle Fälle ein neues Konto bei einer Bank, die keine Kontoführungsgebühren verlangt.

Gestern wurde mir klar, dass mit dem Jahreswechsel möglicherweise eine Frist abläuft und dies zu einer Minderung meines Erstattungsanspruchs führen würde.
Ich stöberte in meinen Kontoauszügen der letzten 3 Jahre herum und begann mit den Berechnungen.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass mir ein Erstattungsanspruch in Höhe eines mittleren 3-stelligen Betrages zustehen könnte.
Erneut fand ich online ein passendes Musterschreiben, das ich etwas abänderte und versandte es online.
Insbesondere den Passus, dass ich mir unter Berufung auf eine aktuelle EuGH Entscheidung vorbehalte, gegebenenfalls Ansprüche der letzten 10 Jahre geltend zu machen, beeindruckte mich.

Als Kontaktmöglichkeit gab ich mein Postfach auf der Bank-Webseite an.

Rückblickend muss ich mich gestern doch etwas besser - gewissermaßen kampfesmutiger - gefühlt haben.
Gleich heute Morgen nach dem Aufwachen fühlte ich, dass dieser Tag wohl schlechter werden wird.

Im Laufe des heutigen Tages sah ich zufällig auf mein Smartphone: Ein entgangener Anruf.
Das war doch die Telefonnummer meiner Bank...
Wie schön, dass ich nichts gehört habe. Wie blöd wäre ich, mich auf ein Telefonat einzulassen?

Mulmig ist mir schon zumute. David gegen Goliath.
Im Internet fand ich noch die Info, dass fast niemand Erstattungsansprüche tatsächlich geltend macht.

Meine Bank wird überfordert und entsetzt sein.

Ich versuche mich zu beruhigen: Ich bin vorbereitet und mehr als sterben kann man ohnehin nicht.

30.12.2021 00:14 • x 3 #3


Nuala
Schlechte Tage

sind für mich u.a. Tage, die endlos lang erscheinen.
So ein Tag war das heute.
Schon morgens war es draußen trist, grau und regnerisch.

Jeden Morgen wache ich bereits schmerzgeplagt auf. Heute wachte ich so müde auf, als wäre ich schlaflos gewesen.

Die erhoffte stimmungsaufhellende Wirkung eines Medikamentes blieb leider aus.
Ich bin heute also im Bett geblieben.
Gleich morgens stelle ich den TV an. So fühle ich mich weniger alleine.
Auch wenn mich diese Wiederholungen im Frühstücks-TV nerven. Ich switche zwischen ARD/ZDF, Sat1 und RTL hin und her.

Ich bin so froh einen Futterautomaten zu haben. Um 6 Uhr bekommt er die erste Mahlzeit. Eine halbe Stunde später die nächste.
Er begrüßte mich morgens also mit vollem Magen.

Von Zeit zu Zeit mache ich mir Sorgen. Könnte er sich so einsam fühlen wie ich? Benötigt er einen Artgenossen? Quäle ich ihn ungewollt?
Seit 1,5 Jahren lebt er mit mir zusammen und so alt ist er auch.

Ein erster Versuch mit Katzenbesuch lief schief. Er knurrte und fauchte.

Er hätte es schlechter treffen können. Vormittags bekommt er täglich ein Stück Fleisch. Ich verstecke es, so dass er sich anstrengen muss und beschäftigt ist.

Nachmittags öffnet sich der Futterautomat erneut.
Darüber hinaus werfe ich täglich ein paar Leckerlis durch die Wohnung und ein bisschen Maltpaste bekommt er auch.

Und er kommt an der Leine raus. Das habe ich ihm früh beigebracht. Er spaziert mit mir um das Gebäude herum. Auf einer Rasenfläche. Eine Buchenhecke, in der sich Vögel verstecken, gibt es auch. Und eine mit Efeu bewachsene Mauer.

Die Nachbarn sind irritiert. An den Gesichtern kann ich ablesen, sie sind besorgt. Halten mich für eine Tierquälerin.
Eine griff mich sogar mal verbal an. Leider will mein Kater auch im Winter raus. Regen, Feuchtigkeit stören ihn nicht.

Ich frage ihn natürlich, ob er raus will: Ich zeige ihm die Leine und er fängt an zu miauen.

Darüber hinaus steht ihm ein Balkon zur Verfügung.

Direkt vor meinem Schlafzimmerfenster habe ich Vogelfutter platziert. Manchmal kommen Vögel vorbei und mein Kater kann Vögel aus nächster Nähe beobachten.

Katzen können keine menschlichen Kontakte ersetzen. Trotzdem sind sie ein Trost. Im Gegensatz zu Menschen wird man von ihnen nie enttäuscht.
Man kann schmusen. Katzenfell ist wunderbar weich.
Die Kommunikation ist natürlich stark eingeschränkt.

Dieser Kater ist relativ verschmust. Gerne schläft er unter meinen angewinkelten Beinen.

Leider bin ich gegen Tierhaare allergisch. Ich hoffe, diese neuartige Katzenimpfung wird bald zugelassen...
Ich habe mich 4 Jahre hyposensibilisieren lassen. Es hat die Symptome etwas gelindert.
Es ist unvernünftig, eine Katze trotz Allergie zu halten. Doch es ist das Einzige, was ich habe. Und vielleicht auch das Einzige, was mich am Leben hält, mir manchmal etwas Freude schenkt.

In den beiden letzten Tagen ging es mir besser. Und ich erlebte einen Flow. Keinen Workflow natürlich. Aber einen Internetflow. Ich denke darüber nach, mir neue Kommoden zu kaufen und ich stöberte endlos.

Ich denke, es werden wieder die Kommoden des bekannten schwedischen Möbelhauses werden. Weiß natürlich.

Und da die Entscheidung gestern gefallen ist, hatte ich heute nichts zutun.
So kam mir der heutige Tag schlichtweg endlos vor.

Es wäre besser, jeden Tag raus zu gehen. Aber wohin? Wer geht im Regen spazieren? Ich wohne mitten in der Stadt. Zum Einkaufen fehlt das Geld. Busse sind hier viel zu teuer.

Immerhin wohne ich in einer schönen Stadt und habe eine schöne Wohnung. Letzteres auch nur, weil ich hier mit Job eingezogen bin und ich meine Vermieter aufgrund juristischer Kenntnisse in Schach halten kann.

Von Vermietern nicht erwünscht zu sein, ist natürlich nicht lustig. Die gesamte gesellschaftliche Stigmatisierung ist nicht lustig.
Ich habe ja nicht darum gebeten, geboren zu werden.
Umbringen soll man sich nicht. Aber haben will einen niemand. Eine Wohnung findet man nicht. Obdachlose stören wiederum das Stadtbild.

Aber mein Kater, der liebt mich doch wahrscheinlich...

Es ist schon nach Mitternacht. Wann schlafe ich endlich ein...

30.12.2021 01:29 • x 4 #4


E
Hallo Nuala,
du hast einen tollen literarischen Schreibstil, der mich gerade geflasht hat. Ich freue mich schon auf weitere Geschichten von dir!
Liebe Grüße

30.12.2021 02:27 • x 2 #5


Nuala
Ich bin erst spät nachts eingeschlafen...
Mein Katerchen erwartete mich im Wohnzimmer. Ich hatte die Tür geschlossen, damit ich ein paar Stunden durchschlafen kann.

Er amüsiert sich gerade auf dem Balkon...

Das erste was nicht nach dem Aufwachen bemerke sind Schmerzen. Ich habe seit vielen Jahrzehnten Probleme an immer mehr Stellen.
Am stärksten sind morgens beim Aufwachen momentan ausgerechnet die Schulterschmerzen, die ich erst seit einem Jahr habe. Das Liegen auf der Seite ist schmerzhaft. Je länger ich liege, desto stärker werden sie. Auf einer Skala bis 10 ist es evt. die Intensität 4.
Die Schmerzen ziehen über beide Schultern hoch in den Nacken und führen zu Kopfschmerzen.

Leider bin ich Seitenschläferin...
Als Rechtshänderin habe ich rechts ein kleines Kalkdepot, eine sogenannte Kalkschulter. Es schmerzen jedoch beide Schultern. Röntgenaufnahmen zeigen eine Enge in der Schulter.

Die Schmerzen tragen auf, nachdem ich eine Woche Gehilfen (Krücken) benutzt hatte.

Meine Theorie ist: Meine Brüste sind zu schwer (Körbchengröße D). Und ich hatte die Träger sicher 10 Jahr zu kurz eingestellt. Ich hatte sie sogar festgenäht. Wer will schon Hängebrüste? Hätte ich gewusst, wozu das führt...

Man hat zwar ab dieser Größe eine Möglichkeit bei der Krankenkasse die Kostenübernahme für eine Verkleinerung zu beantragen. Aber die Chancen sind gleich Null.
Ich spüre, die Kraft für diesen Kampf fehlt mir.
Zudem bin ich nur wenige Kilos über Normalgewicht. Ich wäre gerne schlank, war als Jugendliche sogar leicht essgestört. Machte unzählige Diäten. Meine Schwester bekam Bulimie.
Ich achte auf meine Kalorienzufuhr. Dieses Jahr habe ich sogar 6 Monate lang die Keto Diät ausprobiert. Ohne Erfolg. Das ist wirklich selten.

Eine Brustkrebsdiagnose würde zur Chance. Zynisch irgendwie.

Ich liege mittlerweile auf dem Rücken und die Schmerzen in den Schultern gehen merklich zurück.
Ständig bin ich leicht verschnupft. Es liegt an den Katzenhaaren auf meinem Bett.

Ich fühle mich krank, schwach, antriebslos und einsam. Ein neuer Tag. Wird er so endlos lang wie der gestrige?
Am Fußende meines Bettes steht ein TV. Die Sendung Notruf Hafenkante läuft gerade. Die langweilt mich. Ich kam noch nicht dazu, nach Volle Kanne umzuschalten.

Nach längerer Zeit sah ich eben eine Blaumeise an dem Vogelhäuschen, das ich an ein kleines Metallgeländer am Schlafzimmerfenster montiert habe.
Wie schön!

Ich habe meine Schilddrüsentablette schon eingenommen. Gerade trinke ich Kaffee. Seit der Keto Diät trinke ich ihn mit Schlagsahne. Es sind unnötige Kalorien. Es wäre besser, sich das wieder abzugewöhnen. Und billiger natürlich. Die Keto Diät kann man sich als Sozialfall nicht wirklich leisten.
Ich fühlte mich durch englisch sprachige YT Videos motiviert.

Ich war auch auf der Waage: 83,6 Kg. Über Weihnachten hatte ich ein wenig geschlemmt... Ich wäre so froh, wenigstens wieder die vorherigen 82 Kg zu erreichen. Aber mein Körper streikt einfach. Ob es die Menopause ist? Ich hatte sogar 2 Tage nur abends gegessen und wirklich starke Hungergefühle ignoriert...

Mein Katerchen hat leider auch einen riesigen Appetit. Es ist wirklich schwierig, seinen Betteleien nicht nachzugeben. Er verhält sich, als wäre er am Verhungern. Er wiegt etwas über 5 Kg. Ich hatte recherchiert. Das ist ok für Kater. Meine vorherige weibliche Katze wog nur 4 Kg.

Mir fiel bei diesem Kater schon als Baby auf, dass er nicht so hoch springen kann wie meine Katze. Ich habe es ignoriert. Meine Katze war am Vortag plötzlich verstorben und ich war tief deprimiert. Nur eine neue Katze würde diesen Schmerz mildern...

Jetzt ist er ausgewachsen und das Problem besteht noch immer. Er schafft es auf Tische, aber nicht auf meinen 1,30m hohen Schrank. Fühlt sich die Hüftregion hinten nicht auch knochiger an...
Könnte er HD haben oder früh Arthrose entwickeln?

Ich kann ihn überall anfassen. Ihm tut nichts weh.
Trotzdem - vorsichtshalber biete ich ihm überall Stühle als Sprunghilfe an. Mit Polstern zur Dämpfung beim Herunterspringen.

Gerade ist er gekommen. Er liegt hinter meinem Laptop und döst entspannt. Ich habe seine ausgestreckte Vorderpfote gestreichelt und er schaut mich freundlich an.

Ich glaube, die Wolkendecke draußen ist dünner geworden. Ich sehe angedeutete Sonnenstrahlen auf der weißen Fassade eines Hauses. Hoffentlich hält es längere Zeit an.

Es wäre gut, wenn ich mich zu einem Spaziergang aufraffen könnte.
Ca. 20 Min. entfernt gibt es einen Weiher mit Enten, einem Schwanenpaar... Im Sommer sah ich dort sogar mal eine Wasserschildkröte.

30.12.2021 12:18 • x 2 #6


Nuala

30.12.2021 12:36 • x 2 #7


Nuala
Es ist mittlerweile 13:30 und ich liege immer noch im Bett.
Ich fühle mich müde. 6h dürfte ich jedoch geschlafen haben.
Mein Kopf dröhnt immer noch.

Nunmehr schlummert mein Katerchen unter meinen angewinkelten Beinen.
Sein tägliches Stück Fleisch hat er schon bekommen. Er wartet jetzt darauf, dass der Futterautomat sich um 15 Uhr öffnet. Er hat ein erstaunliches Zeitgefühl und wird durch die 2 x jährliche Zeitumstellung irritiert.

Ich trinke sicher schon den 4. Kaffee. Allerdings entkoffeiniert.

Vorhin wurde im TV eine 100-jährige Frau gezeigt, die einen sehr jungen ausländischen (arabisch aussehenden) Mitbewohner hat.
Mir wurde bewusst, wie einsam ich bin. Die Frau ist beneidenswert. Sie tanzen und singen. Ohne Dich von Ramstein ist ihr Lieblingslied. Ich mag es auch sehr. Engel mag ich noch mehr. Sonst allerdings nichts. Wie dem auch sei - die ältere Dame blüht ersichtlich auf. Wirklich sehr berührend!

Ich hatte auch mal eine Mitbewohnerin. Meine Wohnung war unangemessen teuer. Ich fand keine Wohnung und fand diese zudem sehr schön. Die schönste Wohnung, die ich je hatte.
Also kam mir die Idee, mir einen Mitbewohner zu suchen.

Allerdings waren meine Vermieter not amused und ich musste einen Rechtsanwalt bitten, ein Schreiben zu formulieren...

Katrin zog ein. Eine damals ca. 26 jährige Studentin.
Die ersten 3 Monate waren für mich die Hölle. Sie war sehr chaotisch und unordentlich und ich hatte die alleinige Verantwortung für die Wohnung.
Zudem benutzte sie viel Parfüm. Und meine Duftstoff-Allergie wurde relevant.
Für sie brach eine Welt zusammen. Sie erzählte, man habe in der Vergangenheit behauptet, sie würde schlecht riechen. Ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht.
Ich benötigte einige Wochen, bevor mir klar wurde, dass sie ein wirkliches seelisches Problem hat und sie es kaum schafft, sich nicht zu parfümieren.

Auch Regeln für die Küche musste ich aufstellen. Sie hatte 1 x wöchentlich das Bad zu putzen - ich den Rest der Wohnung. Auf das Angebot, die Aufgaben zu tauschen oder monatlich zu wechseln, ging sie nicht ein.

Nach diesen 3 Monaten den Zusammenraufens wurde es für mich jedenfalls schön.
Ich bin kommunikativ und endlich hatte ich jemanden zum Reden.

In meiner Anzeige hatte ich allerdings formuliert, dass ich einen ruhigen Mieter suche.
Sie war zwar ruhig - aber zu meinem großen Bedauern leider nicht sehr gesprächig.

Glücklicherweise komme ich auch mit Monologen klar...
Es gibt immer was zu erzählen, berichten. Mir geht der Stoff nie wirklich aus...

Sie hat hier ca. 6 Jahre gewohnt.
Eines Tages eröffnete sie mir, sie müsse mit mir sprechen.

Ihr letzter Job im Supermarkt hatte ihr nicht gefallen, dass Arbeitsamt hatte sie aufgefordert, sich doch mal auf einen ordentlichen Job zu bewerben.

Sie mag Computerspiele und hatte sich auf auf eine Jobanzeige in einer anderen Stadt als Spieletester beworben...

Ihr Auszug war sehr hart für mich. Zudem bestand erneut die Gefahr, die Wohnung zu verlieren.
Sicherlich war es auch hart für unsere Katze Lilly. Die hatte ich mit ihrem Einverständnis aufgenommen. Sie wollte Lilly damals auch haben. Ohne Unterstützung hätte ich es damals wohl auch nicht gewagt.
Und irgendwie mochte Lilly Katrin auch etwas lieber als mich.

Nach ihrem Auszug saß sie oft am Fenster in ihrem Zimmer. Sie schaute raus auf die Einfahrt - und hoffte wahrscheinlich, dass sie endlich kommt.

Es zerriss mir schlichtweg das Herz, sie dort sitzen/warten zu sehen.
Und ich vermisste sie ja auch. Nur das ich wusste, dass Warten sinnlos war.

Seit ca. 3 Jahren wohnt sie nun schon nicht mehr hier.
Wir sind immer noch in Kontakt. Sie ist mein einziger Kontakt.

Wir schreiben uns über WhatsApp. Ich natürlich viel mehr als sie.
Falls ich mehrere Sätze schreibe, liest sie das meist nicht.
WhatsApp eignet sich auch nicht wirklich für längere Schilderungen.

Sie telefoniert nicht gerne - leider...

Zur Zeit ist sie bei ihrer Familie hoch im Norden. Ein Badeort direkt am Meer bei Rostock.
Darum beneide ich sie. Wie schön es sein muss, am Meer zu wohnen...
Sie meint, sie sei das ja gewöhnt. Es sei für sie nichts Besonderes. Sie könne zudem nicht schwimmen.
Das verwunderte mich schon sehr.

Sie musste im Frühjahr auch einen ersten heftigen seelischen Schlag verkraften.
Ihre Mutter hatte plötzlich Ausfälle (stehen, sehen). Sie kam ins Krankenhaus: Metastasen eines vor wenigen Jahren diagnostizierten Gebärmutterhalskrebs.

Sie verstarb recht schnell. Katrin konnte Urlaub nehmen und war zuhause.

Ich bot ihr vorsichtig meine Hilfe an. Ich bin sehr einfühlsam und wäre gerne für sie da gewesen.
Aber sie verarbeitet Probleme eher schweigend.
Jedes Ansprechen auf das Thema, würde sie an die Sache erinnern...

Ich fragte mal nach, wie es dem Vater geht. Ob sie ihn während des Jahres kontaktiert habe...
Anscheinend erst kurz vor ihrem Besuch zu Weihnachten.
Seine Familie und die seiner verstorbenen Frau - beide kommen aus der Gegend. Familiäre Unterstützung ist also gegeben.

Ich habe ein Foto von Lilly beigefügt:
https://photos.app.goo.gl/ZaYbE6JBRW6y4dWM6

30.12.2021 15:11 • x 3 #8


Nuala
Dieser junge Mann, der bei dieser 100 Jährigen eingezogen ist.
Ich erwähnte sein arabisches Aussehen, weil es mich erstaunte, wie sympathisch er ist.

Seit 2015 gehören selbst hier in meiner abgelegenen Stadt Ausländer zum Alltagsbild.
Gleich gegenüber ist ein Bauunternehmer mit arabischen/türkischen Wurzeln eingezogen.

Mich ärgern die Männer, die ihre Mittagspause draußen auf dem Fenstersims sitzend verbringen und hoch zu mir in die Küche starren.
Im Sommer fingen sie an zu grillen und versammelten ihre riesige Familie.
Kinder liefen herum und schrien.
An die Nutzung meines Balkons war nicht mehr zu denken.

Nach ständigen Pleiten zog in eine nahe gelegene Gaststätte mit Außenbereich eine Shisha-Bar.
Grund zur Hoffnung auf eine Pleite besteht leider nicht. Im Gegenteil, bis weit nach Mitternacht ist diese Bar stark besucht. Nicht nur von Arabern... Auf dem davor liegenden Parkplatz sammeln sich dicke Auto.
Manche Campieren dort sogar mit Campingstühlen. Nachts hört man die Motoren aufjaulen: Sie rasen auf der nahe gelegenen Straße.

Leider liegt diese Shisha-Bar auf dem Weg zu einem Supermarkt... Diese Shisha's stinken wirklich übel.
Ein Blumengeschäft gegenüber zog aus und kann man den Nachfolger erahnen?
Ein Geschäft, das Shishas samt Zubehör verkauft.

Mir gefallen diese Veränderungen nicht. Blumen verschönern zudem die Umgebung.
Irgendwie wird Deutschland immer arabischer/türkischer. Ich bin viel gereist und war auch in nordafrikanischen Ländern unterwegs. Ich fand es interessant. Wer will keine fremden Länder erkunden?
Die Menschen, die fremde Kultur und Sitten - die Landschaft.
Nichtsdestotrotz: Man wird als Frau extrem aggressiv belästigt. Es ist für Frauen definitiv gefährlich. Man merkt, dass Frauen nicht respektiert werden.

Als ich im TV diesen o.g. Bericht sah, war mein erster Gedanke, dass es scheinbar doch einige nette Moslems gibt.

Vor einigen Wochen sah ich auf YT eine Doku über diese arabischen/türkischen Clans.Über den Abou-Chaker-Clan in Berlin. Und früher sah ich welche über diese Motorrad-Rocker-Banden. Selbst die sind mittlerweile arabisch.
Wie soll ich es sagen: Ich schaute mir das an und dachte natürlich: Warum können wir diese kriminellen Machos nicht abschieben? Wie kamen die hier überhaupt rein? Das alles - inkl. die Unterbringungen im Gefängnis - all das kostet unseren Staat Millionen.

Ich habe in den letzten Jahren auch private Erfahrungen mit Moslems gemacht. Ein Student aus Pakistan und ich glaube, ein Libanese.
Beide hatten sich auf meine Freundschaftanzeige gemeldet. Sie war eindeutig formuliert.
Ich wollte Männern eine Chance geben und sie nicht kategorisch ausschließen...

Beide belästigten mich in meiner Wohnung S..
Schmeichelhaft war daran, dass beide erheblich jünger, in ihren 20ern waren.
Sie wurden immerhin nicht gewalttätig.

Dann rettete ich mal eine Entenmutter mit Küken. Sie wollte zum Fluss und musste auf dem Weg dahin mehrere stark befahrene Straßen überqueren.
Ein Araber sah, wie ich versuchte, den Straßenverkehr zu stoppen und half mir.
Er war ebenfalls noch in seinen 20ern und Arzt. Er machte hier einen Sprachkurs.
Mit ihm konnte man sich niveauvoller unterhalten. Ich öffnete mich seelisch etwas.
Der hat mich nicht belästigt. Er sah eher ein, dass diese Hoffnung wenig Aussicht auf Erfolg hat.
Er meinte, er sähe sich täglich Por.s an. Das ängstigte mich auch etwas. Die Frequenz meine ich...

Die, die mich belästigt hatten, meldeten sich natürlich nie wieder. Aber auch der Arzt brach den Kontakt ab.

Mich wundert, dass es Freundschaft zwischen den Geschlechtern geben soll. Ich könnte und wollte das schon. Aber mit den Männern stimmt was nicht.

Insbesondere der Pakistaner suggerierte mir, er habe schmerzhafte Erektionen und würde das nicht aushalten.

Ich denke schon, dass ich etwas Glück gehabt habe und nicht wie 54 aussehe. Aber man würde mich wohl allmählich nicht mehr für eine Frau in den 30ern halten.

Zudem nützt mir ein jüngeres Aussehen nicht viel. Ich altere weiter und werde bald wirklich alt aussehen und zusehends körperlich verfallen.

Vielleicht bin ich ja nicht geschlechtslos. Vielleicht blockiert bei mir alles, wenn Männer direkt zudringlich werden. Vielleicht würde bei mir ein Bedürfnis entstehen, wenn ich die Gelegenheit hätte, jemanden freundschaftlich kennenzulernen. Die Initiative von mir ausgehen müsste. Verbal, sensibel - erst mal kuscheln.
Bleibt die S. nicht doch auch in einer Partnerschaft ureigene Angelegenheit?
Stattdessen wurde ich stets bedrängt...
Mein erster Freund Sb missmutig neben mir als ich nicht nochmal wollte - damals, vor Urzeiten...

Die können mich doch nicht wirklich lieben.
Nutzen sie nicht einfach meinen Körper für ihren S.?
Im Gegensatz zu einer Prost. koste ich nichts.

Aber ich habe es eindeutig gefühlt: Meine Mutter - die hat mich geliebt...
Sie hat sich große Sorgen um mich gemacht.

Wie gut, dass sie nicht mehr erlebt hat, wie ich Jahrelang völlig untröstlich unter der verbalen Beleidigung meines Objekts der Liebe gelitten habe und mein erfolgreicher Studienabschluss noch unwahrscheinlicher wurde.
Ich bin erleichtert, dass sie nicht mehr mitbekommen hat, dass ich zum Sozialfall geworden bin...

30.12.2021 16:39 • #9


Nuala
Wenn ich so nachdenke...
Es gibt wahrscheinlich keinen einzigen Lebensbereich, der bei mir nicht problembehaftet ist.

Dass es meine auch S. betrifft, läßt sich erahnen.

Allen ernstes Frage ich mich nach meiner S. Identität.
Wirklich normal im Sinne von üblich ist das nicht.

Könnte ich geschlechtslos sein, bi., uneingestanden gleichgeschlechtlich?
Und was gibt es sonst noch? Ist die Aufzählung auch wirklich vollständig?

Heutzutage sieht man im TV, dass es Leute gibt, die fühlen, mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Sehr interessiert schaue ich mir solche Dokus an. Es ist Psychologie pur.

Ich bin heilfroh, mir wenigstens diese Frage nicht stellen zu müssen.
Vielleicht habe ich mir sie als Kind/Jugendliche nur nicht gestellt, weil ich gar nicht wusste, dass so etwas möglich ist.

Ich war jedenfalls ein recht jungenhaftes Kind. Meine Mutter schnitt uns allen die Haare kurz.
Wir wuchsen recht fei auf. Ich wollte eigentlich schreiben, wir wurden recht frei erzogen. Aber wurden wir überhaupt nennenswert erzogen?

Mein jüngerer Bruder bekam mal ein Go-Kart. Ich wollte auch eins und bekam ein etwas größeres.
Meine Mutter legte für uns alle ein Fotoalbum an. Meine Schwester als Erstgeborene hat zwei.
In diesem Album gibt es ein Foto von meinem Go-Kart.

Die Straße vor unserem Haus war noch nicht geteert. Ich sitze im Go-Kart und ein Nachbarjunge names Manuel - an den ich auch noch häufiger denken muss und über den ich vielleicht noch mehr schreiben werde - schiebt mich mit seinen Füßen an oder so.
Er hätte sicherlich auch gerne so ein Go-Kart gehabt...

Schön, dass meine Eltern mir auch eins gekauft haben.

Ich wuchs in einem kleinen Dorf mit ca. 500 Einwohnern auf. Es liegt hier in der Nähe.
Ich wuchs in den 70ern auf. In diesem Neubaugebiet hatten viele Kinder in ähnlichem Alter.
In jungen Jahren sind Altersunterschiede meist noch viel wichtiger.
In meinem Alter gab es nur Jungs.
Wir spielten auf einer Wiese Fußball.

Dann gab es noch einen einzigen Bauern. Der hatte u.a. 2 Jungs im Alter meines Bruders und mir.
Mit denen spielten wir beide. So ein Bauernhof ist natürlich interessant - ein Abenteuerspielplatz sozusagen. Wir spielten im Heu/Stroh. Durften auf dem Anhänger eines Treckers mitfahren...

Ich erinnere mich noch an den Tag, als mir bewusst wurde, dass ich ja eigentlich ein Mädchen bin.
Ich verlor mein Selbstbewusstsein und fragte mich, ob die Jungs überhaupt wollen, dass ich mit ihnen Fußball spiele.

Ebenso erinnere ich mich, wie ich mit dem Rad hin und her vor - oberhalb des Bauerhofes. Ich sah die beiden Jungs unten, traute mich aber nicht hinzufahren, mit ihnen zu spielen.
Ich war erleichtert, als sie mich endlich sahen und zu sich riefen.

In der Grundschule hatte ich aber dann doch eher Freundschaften mit Mädchen. Und im Gymnasium auch.

Meine Pubertät empfand ich als grausam und sie war teilweise objektiv schwierig.
Ich kam mit den körperlichen Veränderungen nicht klar. Ich wollte ein Kind bleiben. Ich wollte, dass alles so blieb wie es war.
Schweigend wie meine Familie nun mal war, musste ich mit allem alleine fertig werden.

Noch bevor die spätere heftige Akne ausbrach, durfte ich einen Sprachkurs in England machen.
Damals lief Dallas im TV. Mrs Ellie verlor ihre Brüste durch Krebs und ich äußerte vor der Gastfamilie, dass ich das nicht schlimm fände. Ich wolle keine Brüste.
Das Gelächter war mich sicher.
Die Gastschwester in meinem Alter war hingegen schon schwer pubertierend und am anderen Geschlecht interessiert.

In diesen 2 Tagen seit ich mein Tagebuch begonnen habe, habe ich ungewöhnlich viel geweint.
Ich hoffe, es ist heilsam...

30.12.2021 17:54 • x 2 #10


Nuala
Gestern Abend wurden meine Schmerzen derart stark, dass ich mich fragte, ob ich überhaupt einschlafen würde...
Verzweifelt nahm ich 10mg Escitalopram. Die Einnahme hatte ich nach einem Monat ohne eindeutig positive Wirkung beendet.
Der Serotoninspiegel soll sofort ansteigen. Trotzdem soll man erst nach frühestens 2 Wochen mit einer positiven Wirkung rechnen können. Diese Wartezeit dürfte sich bei zu niedriger Dosis verlängern. Sollte man dies nicht bereits als Anzeichen dafür werten, dass Depressionen wahrscheinlich nicht durch einen Serotoninmangel ausgelöst werden?

20mg ist die (offizielle) Höchstdosis. Für 1-2 Mal nahm ich 15mg. Ich wurde jedoch eindeutig zu müde. Serotonin macht müde. Wie soll es dann bei Antriebslosigkeit wirken können? Dopamin wird ihn steigern. Serotonin blockiert Dopamin jedoch auch...

Ich habe ja Schmerzmittel. Sie hellen zudem die Stimmung auf. Doch diese Wirkung entfällt bei täglicher Einnahme.
Und überhaupt: Medikamente sind Gift für den Körper. Leber und Niere nehmen lautlos, schmerzlos Schaden.
Man muss also vorsichtig sein. Nun bin ich allerdings schon Mitte 50. Will überhaupt 70, 80, 90 oder 100 Jahre alt werden?
Eigentlich nicht. Vor dem Sterben habe ich allerdings große Angst. Vor dem Tod wiederum nicht.

Ich ahne, ich werde immer zu feige sein, mir ein Ende zu machen oder durch absetzen von Mediamenten das Sterben einzuleiten.
Bei einem Nierenschaden würde ich also wohl die Dialyse in Anspruch nehmen.

Meine Mutter hat sich vielleicht bewusst verhungern lassen. Es ist unklar.

Heute scheint wirklich die Sonne. Morgens war ich verwundert, dass es kein Frühstücks-TV gab...

Mein Katerchen Grisu hatte brav im Wohnzimmer auf mich gewartet.
Ich mache ihm dann die Balkontür auf.

Dann gehe ich in die Küche und mache mir eine Tasse Kaffee. Immer noch mit Schlagsahne... Ich muss sie ja auch aufbrauchen.
Jedenfalls kommt Grisu schnell zu mir, denn er erwartet von mir, dass er etwas Schlagsahne abbekommt.
Gefrühstückt hat er ja schon um 6 und 6:30.

Wie immer bettelte er gegen 11 Uhr und ich verstecke wie gewöhnlich sein Stück Fleisch.
Er bettelte weiter und ich zeigte ihm sein Geschirr mit Leine. Ok - ich ging mit ihm raus. Immerhin ist das letzte Mal 2 Tage her.
Bei Sonne ist auch Grisu aktiver.

Da ich die Wohnung meist nicht verlasse, ziehe ich mich zumindest im Winter nie an. Ich bin froh, dass mein langer Steppmantel meine Schlaftracht weitestgehend verdeckt. So traue ich mich jedenfalls rauszugehen.

Ich wohne in einem 4 stöckigen MFH. Es sind 3 aneinander gereihte identische MFH. 24 Wohnparteien könnte ich draußen begegnen...

Grisu hat Angst vor Fremden. Er kennt ja nur mich. Als ich die Wohnungstür öffnete, hörte ich jemandem im Treppenhaus und musste warten, bis dieser verschwunden ist.

Draußen vor der Haustür des Gebäudes lief dann eine Frau vorbei. Grisu bekam Panik. Sie meinte: Oh, ein Kämpfer. Ich entgegnete: Nein, er hat Panik.

Auf dem Rasenstreifen hinter den Gebäuden begegnet uns glücklicherweise nie jemand. Nur deswegen will er überhaupt raus, denke ich. Er hofft natürlich darauf, doch mal einen Vogel zu erwischen...

Dort steht auch ein Baum, an dessen Stamm er manchmal hochklettert.
Ich nahm mein aufgehängtes Vogelfutter ab, welches die Vögel schon seit Wochen ignoriert haben.

Die Meisenknödel verteilte ich auf dem Boden und trat auf sie, um sie besser verteilen zu können. Die Amseln werden es fressen.

Ich habe ein Nisthäuschen aufgehängt. Ob Blaumeisen im Frühling darin nisten werden. Es sind eigentlich zwei. Im Sturm fiel eines herunter. Eines hängt etwas geschützter. Aber nach windigen Tagen hängt es schief. Doch ich belasse es dort, damit die Meisen wissen, dass dort eine Nistmöglichkeit hängt.

Ich werde sie im Frühling beide mit einem weiteren Nagel fixieren.

Grisu spielt im Wohnzimmer. Ich höre die Pappe knistern. Es sieht ein bisschen wie eine Müllhalde aus. Er liebt Mülltüten aus Plastik und Pappe. Die gekaufte Katzenhöhle wurde mit sehr langem Papp-Papier geliefert. Tja, und die liegt hier nun schon 3 Wochen auf dem Teppich... Er versteckt sich gerne darin. Grisu liebt das Knistern.
So what - ich lebe alleine und muss keine Rücksicht auf andere nehmen.

Aber staubsaugen sollte ich als Stauballergikerin wirklich regelmäßiger.

Oha, Grisu ist ins Schlafzimmer gekommen und auf das Fußende des Bettes gesprungen. Er leckt sich die Pfoten. Ich hoffe, er ist zufrieden oder vielleicht sogar glücklich...

Heute ist Silvester und ich erwähne es nicht einmal... Ich bin für Grisu und alle anderen Tiere froh, dass es kein Feuerwerk geben wird.
Und der Feinstaub...
Meine Güte, der Klimawandel... Und wir lernen nichts daraus.
Der Kapitalismus, die Wirtschaft: Beide wollen und müssen verkaufen, Geld verdienen. Bis zum bitteren - selbst herbeigeführten, verfrühten - Ende.

31.12.2021 13:12 • x 2 #11


Nuala
Es ist zu spät für eine Bearbeitung des Posts.
Ich wollte nur ergänzen, dass ich neue Fotos hochgeladen habe.
Ich denke, so wird mein Tagebuch interessanter für Leser.

https://photos.app.goo.gl/ZaYbE6JBRW6y4dWM6

Und noch erwähnen, dass es gestern am späten Abend auf meinem Balkon stank: Der Rauch aus der Shisha-Bar wurde vom Wind hier her getragen. Widerlich!
Diese fürchterliche Bar dürfte 200-300m weit entfernt sein. Vom Balkon sehe ich den Aussenbereich mit Stühlen und Windschutz und den davor liegenden Parkplatz: Viele geparkte, getunte Proleten Autos und viele Leute.
P R O L E T E N

Es ist nicht lustig, arm zu sein...

31.12.2021 13:30 • x 2 #12


Nuala
Mein Vater...

Wer war er überhaupt? Zur Erinnerung, er war starker Raucher, bekam mit Mitte 50 Lungenkrebs und verstarb wegen Metastasen bereits mit 59.

Er war übrigens Holländer. Ich glaube, meine Eltern haben sich im Gebirge kennengelernt. Mehr weiß ich nicht.
Manchmal frage ich mich, ob er meine Mutter vielleicht zum Rauchen verführt hat oder ob sie auch schon rauchte...

Bei dieser Überlegung geht es mir auch um Schuld. Ich kann nicht verhindern, die Schuldfrage zu stellen. Auch wenn ich weiß, dass es falsch ist, nichts bringt.
Nicht nur, weil sie längst lange tot sind, sondern vor allem, weil ich es nicht weiß.

Zudem ist mir klar, dass meine Wahrnehmung sehr subjektiv ist, einem Fehler unterlaufen.

Ich glaube nicht, dass er so wortkarg war, weil sein Deutsch schon sehr gebrochen war. Mein sprachliches Talent habe ich wohl von meiner Mutter.

Mein Vater hatte 6 Geschwister. Er ist 1931 geboren.
Eine Tante erzählte mal nebenbei, meine Mutter habe Holländisch gelernt und wirklich gut gesprochen und vielleicht sogar geschrieben.

Wie krass! Das wusste ich gar nicht...

Bis zu meinem ca. 13. Lebensjahr war er ja zuhause. Das Unternehmen, in dem er als Ingenieur arbeitete lag auf einem kleinen Berg oder höheren Hügel auf der gegenüber liegenden Seite eines Flußes.

Man konnte es von unserem Wohnzimmerfenster aus sehen. Ich erinnere mich noch, ein Mal brannte es dort. Meine Mutter hat ein Foto in mein Fotoalbum geklebt.

Mein Vater war handwerklich interessiert. Er verkleidete die obere Fassade unseres Hauses mit Holz, das er dunkel anstrich oder beizte.
Ich weiß noch, er bat meine Schwester, ihm zu helfen.
Es gibt ein Foto, da steht sie hoch oben auf einer Leiter.

Ich glaube, ich habe auch wenigstens versucht, die Leiter mal hochzusteigen. Ich bekam doch große Angst. Also, ich hätte da gar nicht hoch klettern können.

Wie dem auch sei. Unsere Garage sah also eher wie eine Werkstatt aus.
Ich erinnere mich an einen Tisch, der mit tiefen Kerben überzogen war, eine Art Amboss. Und ich weiß noch, ich spielte mit Holzspänen.
Und ich hatte wohl mal ein Spielzeug, mit dem ich Zinnsoldaten gießen konnte.

Er hat uns wohl auch mal eine Art Supermarktanrichte gebaut. Ich meine, es gibt ein Foto mit einem Sandkasten, wo eine simple, kleine Anrichte zu sehen ist. Das wir mal einen Sandkasten hatten, wüßte ich ohne das Foto sicherlich nicht mehr.

Ich bin mir nicht sicher, es könnte sein, dass mein Vater noch schlank war, als er meine Mutter kennenlernte.

Es gibt ein Foto, auf dem mindestens ich völlig *beep* als sehr kleines Kind in unserem wunderschönen Garten zu sehen bin. Mein übergewichtiger Vater steht in der Nähe, etwas gebückt, mit *beep* Oberkörper. Ich glaube, ein winziger Plastik-Swimmingpool ist zu sehen.

Ich wie gesagt *beep* mit einem weißen Pferden in meiner Größe.
Und meine Vorliebe für weiß wird bleiben. Schon witzig irgendwie.

Es gibt noch ein Foto aus der Weihnachtszeit von mir. Besuch aus Holland war da. Und ich bin mit weiß-grau-getigerter Teddy-Katze zu sehen.

Später dann höre ich das Miauen von Kätzchen, schleppe sie natürlich an.
Ich nannte mein silbergraues Kätzchen Monika.
Es gibt ein Foto. Ich auf den Knien auf dem schönen Weg vor dem Haus. Monika auf dem kleinen Mäuerchen.

Es ist merkwürdig. Ich kann meinen Vater gar nicht als Mann sehen. Er war mein Vater. Mir ist natürlich klar, dass mein Vater ein Mann war. Aber wenn ich ihn auf Fotos sehe, geht das kaum, ohne ihn als Vater zu sehen. Ohne diese Gefühle.
Was mögen seine Kollegen von ihm gehalten haben, Nachbarn?

Es gibt Fotos von mir als Baby, auf denen er mich immerhin auf dem Arm hat.

Ich habe das dunkelblonde Haar von ihm. Die Haut (Helligkeit Typ2) auch.
Die blauen Augen habe ich hingegen von meiner Mutter.

Mein Vater ist mir bis zum Schluss ein Rätsel geblieben. Ich kannte ihn nicht.
Er kam abends stets gegen 17 - 18 Uhr nach Hause.
Er setzte sich ins Wohnzimmer und las die Zeitung. Um 19 Uhr sah er die Nachrichten und wir hätten nie etwas anderes schauen dürfen.

Ich hatte schon Respekt vor meinem Vater. Vielleicht sogar Angst. Aber er ließ mich ja in Ruhe. Meine Mutter war für uns zuständig.

Ich glaube, sie erwähnte mal, er habe gesagt, er wolle mit uns sprechen, wenn wir älter seien.
Und dass sie sich entschieden hätten (oder nur er), dass wir nicht zweisprachig aufwachsen sollen, weil die Gefahr bestünde, dass wir keine Sprache perfekt beherrschen.

Erst in den letzten Jahren kam mir der Gedanke, dass das eventuell nur eine Ausrede war.

Woran erinnere ich mich sonst noch...
Ich hatte es schon mal erwähnt. Dass ich ihn im Auto - wir beide alleine - mal nach einem Problem in Englisch fragte und er gar nicht geantwortet hatte.

Ich nahm das damals einfach so hin. Was kann ich auch tun? Ich hatte auch Angst, ihn zu verärgern.
Ich denke manchmal darüber nach, warum er nicht antwortete.

Mehr und mehr glaube ich, er konnte keine Schwäche zeigen, zugeben. Er wusste es einfach nicht.

Ein Mal schauten wir Dieter Hildebrandt im TV, politisches Kabarret und ich musste lachen. Warum ich denn lachen würde, ich könnte das doch gar nicht verstehen.

Darüber denke ich auch nach. Ich weiss nicht mehr, ob ich den Inhalt damals wirklich verstanden habe. Aber man lacht auch auch automatisch mit, wenn das Publikum lacht.
Und auch hier stelle ich mir die Frage, warum er so reagiert hat.
Ich denke manchmal, als Holländer, vielleicht immer noch wenig vertraut mit deutscher Politik, hatte den Gag selbst nicht verstanden.

Dann erinnere ich mich noch, dass er mal sagte, er sei das Familienoberhaupt.
Das schockte mich dann vielleicht doch etwas. Es hat mich mindestens überrascht oder irritiert - und doch auch geängstigt.

Ich bin doch froh, dass meine Mutter für uns zuständig war. Ich glaube, er hatte keinerlei Feingefühl.

Kurz vor dem Abitur kaufte sich mein Bruder eine Stereoanlage. Er jobbte nebenbei. Ich weiss noch, dass er da Neid zeigte. Er muss schon krank und berentet gewesen sein. Er bekam bzw. kaufte also eine für sich. Er mochte Beethoven, aber auch irische Folksmusik.

Als ich ca. 7 Jahre alt war, begannen wir in den Urlaub zu fahren. Mein Vater kaufte einen Caravan. Einen Eriban. Neben der Garage war noch Platz und er baute ein Dach.

Wir waren einige Male in Holland und besuchten seine Geschwister.
Meine Eltern brachten uns auch das Skifahren bei. Winterurlaub im Caravan.
Fünf Personen.

Es war schön! Ich bin ihnen dankbar für diese Reisen. Sie verändern Menschen so sehr. Noch heute reise ich so gerne, bzw. würde es gerne tun.

Ein Mal waren wir im Sommer in Österreich. Diesmal ein Campingplatz mit Reitstall nebenan. Also lernten wir das Reiten. Ich werde es nie vergessen. Der Reitlehrer war cholerisch. Mein sturer Haflinger kürzte ständig die Ecken ab und der Reitlehrer verlor die Kontrolle vor Wut - auf mich.

Ich werde nie vergessen, wie er schrie: Vorgreifen, vorgreifen, den Zügel kürzer.
Wer zieht/zerrt als Anfänger schon brutal am Zügel?
Das Problem löste sich schlagartig, als ich ein größeres Warmblut reiten durfte.
Herrlich!
Fahra hieß sie.
Nach einer Woche durften wir - meine Schwester und ich - den ersten Ausritt machen. Mein Pferd kannte die Galoppstrecke und fing schon früher an zu galoppiern. Wow - was war das für ein herrliches Gefühl! Ein Gefühl, zu schweben...

Mein Bruder durfte nicht mitreiten. Er sei zu jung meinte der Reitstall.
Es gibt ein Foto, auf dem führen meine Schwester und ich meinen Bruder auf einem Pony herum.
Es muss schwer für ihn gewesen sein.

Wir mussten einen Stall säubern. Auf dem lag Stroh mehrerer Wochen. Das macht mich wütend. Es war Schwerstarbeit und war sicher unbezahlt. Wieso sind meine Eltern nicht eingeschritten? Egal...

Ich wollte ja eigentlich meinen Vater analysieren...
Im Wohnwagen schliefen meine Eltern hinten, mein Bruder zwischen ihnen. Meine Schwester und ich vorne. Also dieser Eriban war schon klein. Ob es größere Eriban's gibt...
Es war schon eng...

Als ich ca. 13/14 Jahre alt war, schloss die Firma, für die er arbeitete ja.
Ich nehme an, er konnte hier in Deutschland mit Ende 40 keine Arbeit finden.
Jedenfalls arbeitete er dann zunächst in Saudi-Arabien und später in Kuwait.
Alles noch vor dem Krieg dort.

Dort besuchte ihn mein Bruder zusammen mit meiner Mutter und später ich.
Das war natürlich schon ein großes Ereignis, Abenteuer.

Ich alleine in einem winzigen Flugzeug erst nach Schipol, Amsterdam und von dort nach Kuwait. Die Palmen am Straßenrand mussten mit Tanklastern künstlich bewässert werden. Tja, heute wird das hier wohl bald zur Realität.

Der Strand war nicht weit weg. Aber es gab zu viele Quallen. Dass die ohne Nesselfänge harmlos sind, wusste ich nicht. Eklig war es jedenfalls.
Es gab dort ja keine Touristen.

Ich weiß noch, wir stoppten an einem Strand, an dem alte, klassische Holzboote bebaut wurden. Ich habe da noch ein Foto von. Dhau's nennt man die Boote vielleicht. Mein Vater war ja Schiffsingenieur.

Dann waren wir auf einem Markt ausserhalb. Ich erinnere mich an Kamele. Ein Araber schenkte mir 2 offene, silberne, dünne Armreife mit Löwenköpfen am Ende. Viele Jahre habe ich sie aufbewahrt.

Abends im Dunkeln gingen wir durch einen Souk.
Meine Mutter passte zu dieser Zeit auf eine Katze mit rotem Fell auf.
Im Land lebten einige Ausländer. Natürlich fühlten sie sich alle etwas einsam und trafen sich. Die Katze war von Frau N. Einer Deutschen, die mit einem australischen Mann verheiratet war. Er arbeitete dort wohl für Siemens.

Ein Mal ging ich alleine zum Strand und wurde auf dem Rückweg von einem Palästinenser verfolgt. Es gab dort viele Gastarbeiter. Mein Vater war auch als Ingenieur natürlich letztlich auch nur ein Gastarbeiter.
Ich hatte große Angst. Der Mann verfolgte mit bis zum Gebäude, in dem mein Vater wohnte. Ich sprang in den Aufzug und er einfach hinterher. Er bedrängte mich. Ich war derart in Panik, dass ich wohl im falschen Stock oder Gebäude gelandet war. Als ich klingelte, öffnete ein asiatisches Paar.

Es ist nochmal gut gegangen.

Meine Mutter und ich konnten tagsüber nichts unternehmen. Ich glaube, Frauen durften damals auch in Kuwait nicht Auto fahren. Wir hatten ja auch nur eines. Und das brauchte mein Vater.
Ich erinnere mich nur noch, dass wir durch staubige Straßen zu einem Supermarkt gingen. Und an einen Joghurtbecher mit festem rosafarbenen Inhalt.

Ich wusste nach dem Abitur ja nicht so recht, was ich studieren soll. Dabei spielt mein Vater vielleicht noch eine Rolle.
Ich glaube, er mochte meine Schwester am liebsten. Sie war die Erstgeborene und war überragend in der Schule. Er meinte mal, sie solle doch Medizin studieren.

Und irgendwann regte er sich mal über meinen Bruder auf. Er hatte Angst, aus ihm würde nichts werden. Die Angst war unbegründet. Mein Bruder schaute zu meinem Vater auf. Er ist auch Ingenieur geworden.

Und ja, ich hatte im Abitur die Note 2,5. Und dass auch nur, weil ich einen absolut üblen Mathelehrer hatte, bei dem die überwiegende Mehrheit Mangelhaft hatte. Da meine Hauptfächer Englisch, Französisch und Erdkunde - also nicht naturwissenschaftlich - waren, wurde das Nebenfach notwendigerweise Mathe relevant. Diese Halbjahre wurden mit berechnet.
So ein Pech...

Wie dem auch sei - Sorgen musste man sich um mich nicht wirklich machen.
Und trotzdem - ich wurde letztlich zum Sozialfall.

Manchmal frage ich mich, inwieweit mein wortkarger Vater mich vielleicht doch in der Studienwahl beeinflusst haben könnte.
Er hat wohl schon mal geäussert, mein Bruder und ich müssten/sollten nicht studieren. Ich weiß auch nicht, wir uns das hätten leisten können.
Er wurde ja krank und wir bekamen BaföG.

Ich dachte wohl auch mal über den Beruf der Werbekauffrau nach. In Kunst war ich gut. Das fand er nicht gut. Werbung... Man darf nicht vergessen: Er stammte aus der Nachkriegszeit. 1931 geboren...

Man hätte es mir nicht verboten. Aber ich weiss noch, dass Missfallen hat mich doch geschäftigt irgendwie.

Was wollte ich? Ich wollte viel Geld verdienen, erfolgreich sein, zur Mittel- oder Oberschicht gehören. Ich hatte instinktiv riesige Angst davor, abzustürzen. Im Arbeitermilieu zu landen.
Das kam nicht von meinen Eltern. Das fühlte ich so. Es gab TV damals. Ich hatte ja Schulfreundinnen zuhause besucht. Ich fühlte da Unterschiede.

So, wie ich auch einen riesigen Unterschied zwischen meinem Elternhaus und Sonja's Professoren-Elternhaus fühlte. Das war noch mal ein riesiger Sprung nach oben.
Das bekam mein Vater wohl einmal mit und war verletzt.
Wobei die Tatsache, dass jemand Professor ist, vielleicht nicht grundsätzlich abgehoben sein muss. Die Fachrichtung spielt auch eine Rolle.
Ich denke zB, dass Professoren mit dem Fach Geographie, Umweltwissenschaften, vielleicht auch Biologen - eine Öko-Lebensstil haben können.

Ich mochte den Stil von Sonja's Familie. Die Antiquitäten. Alles war großräumig.
Wenn man reinkam, stand man in einer riesigen Diele mit hellem Granit- oder Marmorboden. Rechts verlief gebogen eine Treppe aus gleichem oder ähnlichem Material nach oben. Und das Geländer war filigran aus Metall.
Das Haus hatte eine schöne, helle, freundliche Atmosphäre.

Der Vater entschied später ja nach Köln zu ziehen. Wie gerne wüsste ich, wie dieses Haus gestaltet wurde. Ich erinnere mich noch: Er saß am Esstisch. Vor ihm ausgebreitet Architekturzeichnungen. Und er fragte mich welche Farbe für das Dach mir denn am besten gefallen würde: Schwarz, grau oder rot.

Offen gestanden dachte ich spontan, will er testen, ob ich auf seine rothaarige Tochter stehe. Ich weiß, ein absurder Gedanke. Aber er kam mir.
Auf das erwähnte Thema uneingestandene gleichgeschlechtlich werde ich mit Sicherheit irgendwann nochmal eingehen.

Nun - was habe ich geantwortet: Grau. Schwarz würde Häuser erdrücken.
Dass ich rote Dächer generell nicht so schön finde, habe ich nicht gesagt. Warum auch? Ich wollte ihn ja auch nicht nerven.

Um zurück zum Thema zu kommen: Wer war er eigentlich - mein Vater?
Ich weiß es nicht.

31.12.2021 17:03 • x 2 #13


Nuala
Hier knallten den ganzen Abend lang nur vereinzelt einige Böller.
Ich bin vor Mitternacht eingeschlafen. Gegen 1:30 wurde ich wach und wunderte mich darüber, dass der TV im Wohnzimmer plötzlich lief. Das ist schon 1-2 Mal passiert. Ich muss mal darauf achten, ob das immer an Silvester passiert. Schon etwas spooky. Und meinen Kater Grisu fand ich statt wie gewohnt im Wohnzimmer in Katrin's Zimmer.

Unser Haus damals im Dorf meiner Kindheit in den 70ern war eher dunkel.
Es lag am Hang. Der Eingang lag im oberen Teil des Hauses.
Auch wir hatten eine großzügige Diele. Das finde ich noch heute schön.

Rechts das spätere Zimmer meiner Schwester, dann das Bad mit Fenster und Badewanne. Meine Eltern hatte eine Tafel an die Wand montiert.
Ich kann mich aber nicht daran erinnern, schulisch nennenswert unterstützt worden zu sein.

Danach das große Wohnzimmer. Es verlief über die gesamte Breite des Hauses. Mit Balkon, der unbepflanzt blieb. Mit schönem Ausblick in die Weite. Über die Dächer der etwas tiefer liegenden Häuser des Neubaugebietes. Ein Blick von sicher 2Km in die Ferne. Im Hintergrund der kleine Berg mit dem Unternehmen, in dem mein Vater als Ingenieur arbeitete. Ein amerikanisches Unternehmen.
Ich weiß noch heute nicht, was man dort produzierte.
Rechts davon hügelige Wiesen, umrandet von Bäumen.

Rechts vom Eingang des Hauses zunächst die dunkle Holztreppe, die nach unten führte. Ich erinnere mich an 2 längliche Bilder mit vielleicht dunkelblauem Hintergrund. Auf einem eine Silhouette einer schlanken Frau und auf dem anderen wohl ein Mann. Die Silhouette war schwarz, auch der Körper ganz schwarz. Die Treppe wandte sich gebogen nach unten. Ich glaube, es gab in der Mitte ein kleines Fenster.

In Bezug auf die Treppe erinnere ich mich, dass wir uns mal die Sitzkissen unserer Stühle nahmen - mein Bruder und ich jedenfalls - und sitzend diese Stufen heruntergerutscht sind. Das war schon schmerzhafter manchmal. Aber es machte Spaß.
Manchmal frage ich mich, ob das eine Mitursache für meine Steißbeinprobleme sein könnte, die ich mit Mitte 30 bekam und noch immer habe.
Orthopäden meinen, es ist ungünstig groß. Ich glaube, es sind 5 Wirbel, teilweise durch bandscheibenartiges Gewebe getrennt. Manche, vielleicht die meisten, haben dort Gelenkverbindungen, also Knochen.
Und in einem Segment sieht man eine Entzündung. Eine wirklich extrem schmerzhafte Sache.

Nach der Treppe dann die längliche, recht kleine Küche.
In der Diele befand sich ein ausziebarer Tisch. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, dass wir nach der Schule dort zu Mittag aßen. Später wird es aber irgendwie mein Schreibtisch. Ich mochte es, mitten im Geschehen zu sein oder so.

Jedenfalls lag mein Schlafzimmer unten. Und da war nichts los.
Unten lag - neben meinem Zimmer - das Schlafzimmer meiner Eltern.
Beide Zimmer waren gleich groß. Recht groß mit breiter Fensterfront mit Blick auf unseren schönen Garten.
Dann noch die Waschküche, ein fensterloses kleines Bad mit Dusche, das mein Vater benutzte. Und ein kleines, schmales Zimmer mit kleinem Kellerfenster. Dort schlief mein Bruder, der Letztgeborene.
Unter der Treppe ein kleiner gewundener Stauraum.
Und dann der Heizungsraum.
Auch unten eine Diele - aber eben dunkel.

Im Wohnzimmer eine Art Bauernmöbel. Also aus massivem Holz und Holzfarben. Wir hatte nie ein Sofa. Vor dem TV also diese Holzstühle. Später einen dunklen Ledersessel. In der anderen Hälfte, der Raum war ja groß, ein langer Holztisch in gleichem Stil.
Dort aßen wir zu Abend, wenn mein Vater von der Arbeit zurückkam.
Ich weiß noch, er als Holländer mochte Käse und es ärgerte ihn, wenn wir Kinder die Rinde großzügig abschnitten.

An den Bodenbelag erinnere ich mich nicht mehr wirklich. Es war in jedem Fall Stein. Aber er muss dunkler gewesen sein. Ob der im Wohnzimmer rot-braun gewesen ist...
Die Haustür war auch aus etwas dunklerem Holz. Aber irgendwie nur der Rahmen. Es war eine Art Glastür, bunt. Ich glaube, sie war minimal durchsichtig.
Mit Griff innen und außen. Vielleicht undenkbar heutzutage. Aber wir wohnten ja in einem kleinen Dorf. Durch die 2 Griffe konnten wir Kinder ungehindert reinkommen.

Schade, dass es auf der Seite des Eingangs, der Vorderseite keine Fenster gab. Ich glaube, es war die Nordseite.
Vorne war auch Garten mit Beeten, etwas Rasen. Meine Eltern haben das wirklich sehr schön angelegt. Ich frage mich, wer von beiden das war.

Später wurde mir klar, dass meine Mutter diese kleinen Bilder mit Blumen gemalt hatte, die sicher irgendwo gehängt haben. Mit Wasser- oder Aquarellfarben. Ob sie den Garten gestaltet hat?

Unser Haus war das mittlere in einer Straße mit 3 Häusern und keiner der beiden Nachbarn hatte einen so schön gestalteten Garten.
Unserer hatte Terrassen. Meine Eltern habe Natursteine verwandt. Es gab eine solche Steintreppe, die auf die nächste ebene Fläche führte. Eingefasst und getrennt wurden die Ebenen durch eine Natursteinmauer. Sie war mit Mauerblumen bewachsen.
Wirklich schön haben sie das gemacht.

Tiefer unten, seitlich vor meinem Fenster, ein Strauch mit wilden Erdbeeren. Natürlich bediente ich mich.
Irgendwo ein niedriger Apfelbaum. Auf dem kletterte ich etwas herum.

Auf wenn das Haus nicht mein Stil ist, mir im nach hinein zu dunkel vorkommt - es ist doch schön, so großzügig wohnen zu können.
Als Kind war das normal für mich. Ich wusste das natürlich nicht zu schätzen.

5 DM bekamen wir später dafür, wenn mir beim Rasen mähen halfen.
Mein Vater mochte leider keine elektrischen Mäher. Und den Rasen musste man danach mühevoll auflesen.

Ich erinnere mich noch an eine Szene im Sommer. Wir spielten mit einem Nachbarjungen. Ich erinnere mich noch an das riesige Glücksgefühl beim Spielen. Wir hatten Wasserbomben. Eine Art Luftballon, gefüllt mit Wasser. Sie zerplatzen beim Aufprall. Wir rannten durch den Garten und versuchten, den anderen zu treffen.

Dann spielten wir ein Spiel, bei dem einer sich umdreht und an der Mauer stehend irgendwie zählt. Den anderen also den Rücken zugewandt.
Während des Zählens bewegen sich die anderen auf die Mauer zu.
Wer die zuerst erreicht, hat gewonnen. Man musste aber in dem Moment, wo der Zählende sich umdreht, stillstehen - sich also nicht mehr bewegen.
Das Spiel hat wahrscheinlich einen Namen. Ich kann mich nicht erinnern.

In meinem Fotoalbum gibt es ein Foto davon. Ich glaube jedenfalls, dass wir damals dieses Spiel spielten. Auf dem Foto stehe ich neben einem 3 Jahre älteren Nachbarjungen.
Was mich irgendwie schon auch erstaunt. Zu den beiden Jungs aus dem Haus rechts neben uns hatten wir nie einen wirklich näheren Kontakt.

Was heißt wir. Ich glaube, ich war die Einzige, die mehr Kontakte hatte.
Schon merkwürdig... Wenn man bedenkt, dass ich heute völlig alleine bin.

Die Nachbarn rechts kamen hier aus der Gegend. Und irgendwie hatte wohl nie jemand aus meiner Familie einen Draht zu Leuten aus dieser Gegend.
Hier sprechen die Leute meist mit Dialekt.
Wie erwähnt, mein Vater war Holländer. Meine Mutter kam nicht von hier und sprach - glücklicherweise - Hochdeutsch.
Irgendwie belustige ich mich über den hiesigen Dialekt auch. Innerlich natürlich...
Verlieben unmöglich.
Isch klaube, ich gehe am Sonntag zur Kirsche. Und das ist der hiesige Versuch, Hochdeutsch zu sprechen.

Der Vater war Polsterer, glaube ich. Die beiden Jungs. Einer war in derselben Klasse wie meine ältere Schwester. Sie war fast 2Jahre älter als ich und 2 Klassen über mir.
Der Bruder ein Jahr älter. Beide wurden Polizisten.
Der jüngere war irgendwie nett. Ich hörte mal, er soll es sehr schwer gehabt haben. Die Eltern bevorzugten den älteren, der wohl auch sehr gute Schulnoten hatte. Sie müssen streng gewesen sein. Im Nachhinein halte ich für möglich, dass er geschlagen wurde. Aber wer weiß.
Schrecklich, das versteckte Leid hinter Hausfassaden.
Später höre ich, ausgerechnet der nette Jüngere kam bei einem Autounfall ums Leben.

Sympathischer waren mir dann schon die anderen Nachbarn. Ich glaube, sogar, dass ich mal gesagt habe, ich würde lieber bei denen aufwachsen...

Es waren vielleicht keine Norddeutschen, aber sie kamen ganz sicher aus einer Region, die weit nördlicher lag. Auch sie sprachen alle Hochdeutsch. Sie waren protestantisch. Das ist hier faktisch niemand. Ob die Eltern vielleicht aus der Region Osnabrück kamen?

Ihr Haus, die Räume, es war unserem Haus erstaunlich ähnlich.
Statt des großen Wohnzimmers über die gesamte Breite der Hausrückseite hatten sie eine Seite zum Elternschlafzimmer gestaltet. Irgendwie war da auch keine breite Diele, sondern eher ein schmaler Flur.
Der Bodenbelag war heller. Insgesamt fand ich die Atmosphäre oben trotzdem heller, freundlicher. Aber wie bei uns wurde es Treppen abwärts dunkler.
Am Treppenende unten hatten sie sich eine Bar eingerichtet. Aus sehr dunklem Holz. Das fand ich nun wirklich düster, schwer - erdrückend.

Sie hatten zwei Kinder. Manuel war in derselben Klasse wie meine ältere Schwester. Und seine Schwester war ein Jahr älter.
Ich freunde mich etwas mit Manuel an. Und an diese Zeit, verpasste Gelegenheiten denke ich häufig zurück...

Sie hatten einen Hund. Einen schwarzen Pudel. Der Hund meiner Kindheit. Ich fragte oft, ob ich mit ihm spazieren gehen darf. Sie selbst gingen gar nicht mit ihm spazieren. Er freute sich stets riesig. Ich lief mit ihm durch das am Hang liegende Dorf...
Ein oder zwei Mal waren sie tagsüber weg und fragten mich, ob ich auf den Hund aufpassen könnte. Er vermisste sein Zuhause im Laufe des Tages immer mehr und wollte nach Hause. Ich ging dann zu deren Haus und zeigte ihm, dass sie noch nicht zurück sind.

Irgendwie kam mir diese Familie warmherziger, lieber vor als meine.
Im Sommer fuhren sie immer nach Spanien. Ich glaube, sie hatten dort ein Ferienhaus. Jedenfalls äußern sie eines Tages, sie würden mich mal mitnehmen.
Und ich hoffte darauf...

Es muss meiner Mutter sehr weg getan haben, dass sie merkte, dass ich lieber bei denen leben wollte.

Ich wollte natürlich auch einen Hund haben und setze meine Mutter schon irgendwie unter Druck... Vergebens...
Es tut mir Leid. So vieles tut mir Leid - denn sie wird krank.

Wir hatten wohl mal einen Hund. Ich war damals vielleicht noch nicht einmal geboren. Ich sehe einen Jagdhund neben einem Kinderwagen...
Den geben wir wohl zurück. Und es könnte sein, dass er deshalb erschossen wurde. Das belastet mich sehr! Ich hoffe, es stimmt nicht.
Obwohl ich generell Partei für meine Mutter ergreife. Ihr näher stand, sie sensibel, einfühlsam und lieb war.
Ich glaube nicht, dass mein Vater den Hund zurückgegeben hat. Er dürfte mit dem Hund ja nicht viel zutun gehabt haben, da er tagsüber nicht da war.
Wie schrecklich! Wenn das wirklich stimmt - der arme Hund!
Wieso auch einen Jagdhund? Oh je, oh je. Nicht der passende Hund...

01.01.2022 11:40 • x 2 #14


A


Hallo Nuala,

x 4#15


Nuala
Manuel's Vater war Pharma Referent und meist unterwegs. Er war eindeutig nicht handwerklich interessiert. Die Garage der Familie war nicht gleichzeitig Werkstatt, wie bei uns.
Sie haben ihr Grundstück nicht intensiver gestaltet.
Vor dem Haus ein großer Bereich mit verlegten Platten. Schon trostlos irgendwie.
Seitlich und hinter dem Haus eine Rasenfläche. In der Ecke ein Baum, eine Hängeweide. Nennt man das nicht Trauerweide?
Lange Zeit stand neben dem Haus eine Schaukel.
Stimmt, wir hatte auch eine hinter dem Haus. Bauten sie aber später ab.

Ich glaube, es gab vielleicht einen Streit wegen der Grundstücksgrenze.
Wir hatten einen niedrigen Drahtzaum, sie eine ca. 1m hohe Buchsbaum- Hecke oder eine ähnliche gut wachsende grüne Hecke.

Manuel's Vater kam mir weicher vor als mein Vater. Ich glaube, ich hörte ihn auch in Babysprache mit dem Pudel sprechen. Das überraschte mich schon irgendwie.
Das kannte ich von meinem Vater nicht. Der war doch insgesamt männlicher. Gerne benutze ich das Wort Macho. Aber ich weiß nicht, ob es passt. Man meint damit meist doch einfachere unkultiviertere Männer. Mein Vater hatte was Dominantes im Verhalten, Auftreten.
Darauf komme ich sicherlich nochmal zurück. Ich möchte mein Verhältnis zu Männern intensiver beleuchten, analysieren. Auch in Bezug auf S..

Wie dem auch sei.
Manuel's Mutter hatte etwas derart Warmherziges, Liebevolles. Irgendwie fiel mir das sehr auf.
Und jetzt weiß ich auch, warum ich vermute, dass sie aus der Gegend Osnabrück kommen könnte. Im Grunde ist ja nur klar, es ist weit nördlicher als diese Gegend hier.

Ich war vor einigen Jahren in einem Krankenhaus bei Hamm/Paderborn.
Und ich bin erschrocken: Eines Tages kam wohl die älteste Krankenschwester der Station rein und sprach mit mir.
Meine Güte, sie war genau wie Manuel's Mutter. Wirklich ganz genauso. Sie sprach so, hatte ihre Statur.
Ich merkte gleich, sie ist für diesen Job geboren. Sie ist die beste.

Und welchen Beruf hatte Manuel's Mutter: Sie war auch Krankenschwester.
Ein Mal die Woche arbeitete sie scheinbar noch. Ich glaube, sie leitete einen Kurs.

Ich habe Katrin, meiner ehemaligen Mitbewohnerin heute schon auf WhatsApp geschrieben. Zunächst mal eine Gif Happy New Year. Mit Katzenmotiv natürlich.

Sie ist derzeit ja zuhause bei Rostock.
Sie ist schon wach und antwortet kurz. Zu meinem großen Bedauern ist sie ja nicht sehr mitteilsam.

Mich beschäftigte gerade eine Frage, die Thema in diesem Tagebuch ist und stelle ihr folgende Fragen:

Sag mal, hast Du vor Deinem Vater eigentlich irgendwie oder manchmal oder nie: Angst? Also, würdest Du Dich trauen, ihn alles zu fragen. Oder zu sagen, mach das mal schön selbst? Also, ist er doch eine Art Respektsperson oder doch eher ein Freund? Also jemand, der Schwächen zugibt, der mit Dir als Kind gespielt hat. Den Du ohne Angst angesprochen hättest, zum Spiel aufgefordert hättest?

Ich hatte ja doch schon irgendwie Angst vor meinem Vater und ich beginne, mich zu fragen, ob das normal ist... Ob meine Geschwister wohl auch Angst vor ihm hatten? Ob andere, eigene Kinder vor im Angst gehabt hätten?
Ob er auf Kinder generell einschüchternd gewirkt haben könnte?

Zu dem Thema fällt mir ein, dass ich bei der Recherche zu psychologischen Themen mal las, dass psychisch Kranke oft ängstlicher auf Gesichtsausdrücke etc reagieren. Irgendwie sowas. Ich müsste es nochmal recherchieren.

Man kann natürlich in alles Krankheiten hinein interpretieren. Die Psychiater hätten sowieso nichts dagegen. Man muss alles hinterfragen. Auch die Motivation von Medizinern.

Wir sind nun mal unterschiedlich ängstlich, sensibel. Nehmen Dinge sehr subjektiv wahr. Subjektivität bedeutet ja nicht, dass es falsch ist.
Denn für uns, den Wahrnehmenden ist es - evt. bittere - Realität.

Katrin hat doch viel geantwortet, Es ist ein kurzer Dialog entstanden.
Die ersten beiden Antworten möchte ich preisgeben. Sie ist und bleibt ja anonym. Ich habe selbst den Vornamen abgeändert...

Nee, Angst gar nicht, ich bin meist nur mega genervt und zoffe mich deswegen mit dem. Da fallen auch gerne mal Beleidigungen meinerseits

Vor allem, weil er immer so dummes Zeug redet, da werde ich immer schnell aggressiv

Sie hat hier Japanisch und Spanisch studiert. Sie ist ein Jahr älter als ihre Schwester. Katrin ist jetzt Mitte 30.

Ihre Mutter ist im Frühling ja - wie erwähnt - gestorben. Sie arbeitete als Altenpflegerin.
Ihr Vater ist entweder Kfz-Mechaniker oder Maler. Er arbeitet jetzt jedenfalls als Maler.
Beide Eltern sind nur wenige Jahre älter als ich.
Sie sind in der DDR sozialisiert worden.
Also ein nicht - akademisches Elternhaus. Diese Dinge möchte ich irgendwann auch noch detaillierter beleuchten.

Nun, ihre Antwort hat mich sehr überrascht. Kein bisschen Angst vor dem Vater.
Ihre geschilderten Details offenbaren, dass ich mit dem Verhalten des Vaters auch nicht zurecht kommen könnte. Oh je, die Arme - denke ich.

Da habe ich ja doch vielleicht Glück gehabt. Aber ich hatte Angst vor meinem Vater. Das ist auch nicht wirklich ideal bzw. günstig.

Ich bemerke, die Sonne scheint heute wieder. Wie schön. Dringend müsste ich doch mal die Wohnung verlassen. Spazieren gehen.

Oh je, und ich muss man an den Briefkasten trauen. Die Briefe der letzten Woche liegen noch ungeöffnet herum. Der Druck wird immer größer.
Werde ich noch obdachlos? Ich muss diese Ängste überwinden...

Vielleicht erst spazieren gehen und auf dem Rückweg den Briefkasten öffnen...

01.01.2022 13:49 • x 2 #15

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