Schlafstörungen bei Depressionen - was hilft wirklich?

Y
Liebe Medica, noch einmal einen recht herzlichen Dank für deine Nachricht!

Ich wollte auf jeden Fall berichten, wie es bei uns weiter verläuft. Gerade habe ich noch mal in Medicas Thread nachgelesen und möchte nun zum Thema Konsequenz gegenüber dem Partner berichten:

Ich habe mich in der ganzen Beziehung bisher gescheut, gegenüber meinem Partner konsequent zu sein. Ich habe immer gefürchtet, wenn ich ihm gegenüber hart und bestimmt, oder zumindest klar auftrete, dass ich ihn damit verschrecke und ich ihn dadurch verliere. Eure viele Unterstützung hier hat mir die Kraft gegeben, diese Angst zu überwinden:

Vorgestern ist der Abend leider wieder so verlaufen wie so häufig. Dabei hatten wir einen tollen Tag: Wir sind zeitig aufgestanden, der Haushalt war im Schwung und auch mit der Uni fühlte ich mich wohler. Wir waren sogar zusammen joggen, was seit Jahren meine Lieblingsfreizeitbeschäftigung ist. Leider ist mein Vertrauen in mich selber mal wieder so im Keller, dass ich das mit dem Joggen nicht mehr schaffe. Beim Laufen muss ich zwangsläufig denken: Du schaffst das nicht. Du bist viel zu dick geworden (75kg!!!). Deine Zunge wird raushängen und du wirst dich furchtbar blamieren. Während dieser Gedanken werden meine Beine zu Blei, solange bis ich nur noch langsam vor mich hintrotte, dass mich andere Spaziergänger schon überholen. Dass mein Mann mitgekommen ist, hat mir genügend Aufwind verschafft. Ich konnte den Kopf freibekommen. Wir waren über eine Stunde draußen. Ich habe zwar nicht ohne Pausen geschafft, aber es war wie ein Befreiungsschlag mal wieder so weit gelaufen zu sein.

Abends hat er sich dann wieder an seinen Rechner gesetzt und gearbeitet. Nur ein Gläschen Wein. Da habe ich ihn schon ermahnt. Als ich mitbekommen habe, dass mal wieder die ganze Flasche verdunstet, habe ich ihn zur Rede gestellt. Ruhig und klar habe ich ihm vor Augen geführt, dass er bereits seit 5 Tagen am Stück wieder jeden Abend Alk. getrunken hat. Er hatte sich aber vorgenommen, überhaupt keinen Alk. zu trinken. Sein allerliebster Freund war in der Stadt und sie waren zum Fußball gucken verabredet. Da habe ich ihm gleich gesagt, dass er es nicht schaffen wird, und das es vielleicht sinnvoller ist, sich vorher zu überlegen WIEVIEL er trinken will und WANN er nach Hause geht. Das hat gut geklappt. Der Freund ist längst wieder abgereist, er schüttet sich aber trotzdem weiterhin abends PORTUGIESISCHEN WEISSHERBST hinter.

19.06.2010 11:12 • #31


Y
Dann habe ich ihm auseinander klamüsert, wie ICH mich dabei fühle, jeden Abend ein Bett mit einem Betrunkenen zu teilen, dass er sich verändert wenn er trinkt, dass ich mich allein und einsam fühle, weil ich dann keinen Gesprächspartner habe und ich mich wegen seines Konsums immer mehr zurückziehe in mein Zimmer, zu Selbsthilfeportalen und meinen Studien. Wie minderwertig ich mir vorkomme, all Paar Tage unser wundersames Körbchen mit Altglas zum Müll zu bringen und heimlich seine Flaschen zu entsorgen und wie ich mich dabei schäme. Ich trinke selber nie mehr als ein Glas Wein. Da ich Magenprobleme habe, fange ich schon an zu brechen, bevor ich überhaupt betrunken bin. Ich habe ihm auch erzählt, dass ich mir so keine Familie vorstellen kann. Das hat ihm einen harten Schlag versetzt, aber es entspricht einfach der Wahrheit. Und dann habe ich auch endlich gesagt, was meine Meinung zum Thema Alk. ist und wovor ich Angst habe:

Dass ich den leichtsinnigen Umgang damit genuso verabscheue wie Fahrrad fahren ohne Helm. Tod auf Raten. Ich habe meine Oma dahinsterben sehen, ich bin meinen Vater jahrelang im Krankenhaus besuchen gegangen, ich bin auch schon in der Schule von der Direktorin aus dem Unterricht geholt worden, weil meine Mutti in eine Nervenklinik eingeliefert worden ist. Keiner aus meiner Familie hat je getrunken oder geraucht oder sich andersweitig in Gefahr gebracht. Ich kann darum Krankheit als Bestandteil in meinem Leben akzeptieren. Ich kann das Beste aus diesen Situationen herausholen, wenn ich am Krankenbett sitze und mit dem Patienten Rätsel löse oder Werbespot-Raten mache, oder bei Bewusstlosigkeit einfach die Zehen massiere und eincreme. Was ich nicht akzeptieren kann, ist, sich und anderen dieses Leid aufzuerlegen und seine Gesundheit kaputt zu trinken und zu rauchen. Sollte ich ein Kind von ihm bekommen (was ich zu verhüten weiß) und er kommt eines Tages mit Leberzirrhose ins Krankenhaus, dann packe ich meine Sachen und gehe mit meinem Kind weg. Ich werde die Folgen seiner Maßlosigkeit nicht pflegen und ihm auch nicht beim Sterben zusehen und das auch nicht meinem Kind antun. Bei aller Liebe und auch bei allen psychischen Krankheiten dieser Welt. Das Leben, das ihm gegeben worden ist, ist ein Geschenk. Ich sehe mich nicht in der Verantwortung, die Scherben aufzulesen, wenn er es wegwirft.


Er hat sich alles ruhig angehört, wir haben dann aber getrennt geschlafen. Tagsüber sind wir sehr behutsam miteinander umgegangen. Abends haben wir uns dann versöhnt und unsere Liebesbekenntnisse gegenseitig erneuert. Den PORTUGIESEISCHEN WEISSHERBST habe ich hinter seinem Rücken in den Ausguss gekippt.


Wovor ich Angst hatte, dass wir uns zerstreiten, wenn ich ihm sage, was ich fühle, ist nicht eingetreten. Im Gegenteil, er hat darüber nachgedacht und wir können jetzt offen über das Thema Alk. unterhalten. Es hat uns eine neue Gesprächsebene eröffnet. Wichtig war aber dennoch, dass ich beherrscht und ruhig gesprochen habe und gleichzeitig, dass er ein guter Zuhörer ist und er mich nicht verlieren will und wir uns beide vertrauen. Die Situation hätte auch in einem Desaster enden können. Was ich damit sagen will, ich mache gerade die Erfahrung, dass sich kämpfen lohnt. Das man zusammen viel erreichen und überwinden kann. Aber ich weiß auch, dass in all meinen vorherigen Beziehungen genau das nicht möglich war (weswegen die Beziehungen ja auch beendet wurden) und ich deswegen heute in emiener Beziehung Angst hatte, solch eine Situation zu provozieren.

19.06.2010 11:12 • #32


A


Hallo yahila,

Schlafstörungen bei Depressionen - was hilft wirklich?

x 3#3


Y
Diese Erfahrung möchte ich mit euch teilen. Trennungen, egal wie schmerzhaft sie sind (und ich bin auch schon monatelang mit Sonnebrille rumgelaufen), lohnen sich doch, denn die Chance besteht, dass man den Partner findet, mit dem man ZUSAMMEN kämpfen kann. Jetzt bin ich auch darum klüger geworden, dass ich die eine oder andere Beziehung auch schon hätte viel früher beenden können, dann wäre der Schaden für mich und meine Beziehungsfähigkeit geringer gewesen. Ich weiß auch noch genau welcher Exfreund mich dazu gebracht hat, dass ich in meiner heutigen Beziehung 10 Monate gebraucht habe, bis ich offen und ehrlich, konsequent, hart und klar mit meinem Partner reden konnte.


Dieser Mann erinnert mich übrigens sehr an den Freund von Medica. Er hat eine narzistische Persönlichkeitsstörung und ich habe in seiner Gegenwart nicht mehr gegessen, weil ihn die Geräusche und meine Lust am Essen so sehr gestört hat. Genauso hat ihn meine Spontanität kirre gemacht und mein Gezappel auf der Couch, weil ich einfach keine 3 DVD´s ohne Zappeln am Stück sehen kann. (Heute gibt es in meiner Wohnung übrigens überhaupt keinen DVD-Player). Er hat mich mit Tabletten zugedröhnt, wenn ich meine Tage hatte, weil ich dann immer auf dem Stuhl hin und herrutsche, weil ich das Sitzen dann so unangenehm finde. Und ihn die Vorstellung, dass ich Schmerzen habe, gequält hat. Mich schmerzen meine Schmerzen, aber sie quälen mich nicht. Und wie oft ich ungeduscht ins Bett gegangen bin, weil ihn Duschen nach 19 uhr ebenfalls kirre gemacht hat. Eine tolpatschige Kellnerin konnte ihm den Abend genauso vermiesen, wie wenn ich High-Heels anhatte und ihn das Geklacker genervt hat (genauso wie die Blicke anderer Männer und Frauen). Wenn ich über meine Probleme gesprochen habe, landete ich am Ende in eine Gesprächssituation wie vor einem Scharfrichter und am Ende war ich das ungezogene Kind, dass er nicht gebrauchen kann. Nach der Trennung war ich monatelang unglücklich und wage es heute noch nicht, in seine Nähe zu kommen.
Nun bin ich wieder in Beziehung und es gibt wieder Probleme. Er geht in Therapie, schreibt sich jeden Tag seine Schlafenszeiten auf und spricht mit seinen Freunden und seiner Familie über die Krankheit. Er liebt mich aufrichtig und sieht mich als sein Gegenstück, als seinen Referenzpunkt und ist sich nicht zu schade, was ich sage zu überdenken und dann manchmal erst ein paar Tage später, dass Gespräch mit mir zu suchen und sich mit mir weiterzuentwickeln, statt neben mir her.


Ich liebe und werde geliebt. Nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit Taten.

19.06.2010 11:16 • #33


Y
1) Zusammenleben im gemeinsamen Haushalt

Er ist in letzter Zeit im völligen Tatendrang, sich zu Hause mehr einzubringen. Darüber freue ich mich, weil es mich stark entlastet und ich endlich wieder Zeit finde, für eigene Sachen. Er hat 4 Tage am Stück abends gekocht und auch wieder abgewaschen - da konnte ich jeden Abend über meinen Studien sitzen

Leider hat die Sache auch einen Haken: Wir rauschen auch genauso oft aneinander wegen Haushaltsdingen

Vorher hatten wir die klassische Rollenverteilung: ER geht arbeiten, SIE macht den Haushalt (und geht arbeiten).
Da gabs keinen Streit, wann und was eingekauft wird und wo das Wischpad trocknen sollte. Jetzt sind wir ein paar Mal wegen total dummen Sachen aneinander geraten. Teilweise findet er sich zu Hause überhaupt nicht zurecht, weil er nicht weiß wo unsere Sachen so liegen ( Wo ist die Schere? Haben wir Schraubenzieher? Wo sind Trockentücher? Womit mache ich die Kaffeemaschiene sauber? Wo sind Glühbirnen? Wo sind die alten Kochbücher? Weggeschmissen? Meine alten Kochbücher??? )

Bei banalen Entscheidungsfragen (Wenn mein Vater morgen kommt, gehen wir vorher einkaufen? Wer passt dann auf den Hund auf? Was kochen wir für Vater?) artet die Diskussion dann schonmal in handfesten Streit aus. Ich bin total enttäuscht, dass man wegen solchen Sachen (die ich früher ohne Streit alleine gemacht habe!) ÜBERHAUPT streitet.

Ich habe mich jetzt im Internet in Familienratgebern belesen und offenbar ist das gar nicht so selten und banal, wie ich dachte. Es gibt ja sogar mehrteilige Seminare dazu, wie man konstruktiv streitet. Ich hab alles ausgedruckt und wir habens zusammen durchgearbeitet. Eigentlich weiß man ja auch schon so vieles - wie man kommunizieren soll - aber es ist so schwer, dass in der Praxis anzuwenden. Am liebsten würde ich so ein Seminar belegen, aber die sind leider sehr teuer und das habe ich nicht eben rumzuliegen nach dem Umzug. Ich werde mal nach brauchbarer Literatur forsten, wo Übungsvorschläge drin sind ??


2) Nebenwirkungen des Antidepressiva´s


Sein Medikament hilft ihm nach eigener Aussage sehr, da er regelmäßig schläft. Leider hat es sehr starke Nebenwirkungen. Von den Stimmungsschwankungen, seiner Gewichtszunahme und seiner ruinierten Haut (die vorher wie ein Pfirsisch war!) mal abgesehen, die schlimmste Wirkung ist, dass im Bett nichts mehr läuft. Das macht uns beide fertig. Vorher gehörten wir eher in die Karnickelfraktion und nun - zweimal die Woche und dann auch nur halbherzig (und weil ich angefangen habe). Wir haben noch nie so viel fern gesehen und soviel gelesen. Es ist einfach nur zum Kotzen. Jeden Tag kochen in mir (per Zwangsgedanken) die Selbstzweifel hoch, das es an mir liegt und dass wenn Megan Fox an der Tür klingeln würde, er ihr sofort unser Schlafzimmer zeigen würde wollen. Dann muss ich mich zwingen daran zu glauben, das es an den Tabletten liegt. Ihm fällt es schwer, sich in seiner Rolle als Liebhaber wiederzufinden und wir wissen teilweise nicht, was wir miteinander anfangen sollen.

Ich würde lieber in meinem eigenen Bett schlafen, aber das will er überhaupt nicht. In meinem Bett stört mich es nicht so sehr, wenn wir keinen S. haben, als wenn ich neben ihm liege. Da komme ich dann überhaupt nicht zur Ruhe. Abends bittet er aber immer, dass ich bei ihm schlafe. Ich hoffe sehr, dass man das Medikament einfach wechseln kann. Es ist ein tricyclisches, älteres Präparat. Ich habe die Befürchtung, dass er nicht gleich ein besseres bekommen hat, wegen der Krankenkasse. Ich hege die Hoffnung, dass er ein anderes Medikament bekommen kann, auch wenn die Thera ihm das auf Privatrezept verscheibt (koste es, was es wolle!). Würde mich da sehr über Kommentare freuen.


Liebe Grüße

23.06.2010 09:48 • #34


Y
Ich habe zwei Adressen von Psychologischen Psychotherapeuten in meiner Nähe rausgesucht - jetzt muss ich nur noch anrufen

es ist so schwer

24.06.2010 12:36 • #35


Y
Ich konnte den verloren geglaubten Tag doch noch retten:


Nachdem ich heute vormittag wieder eine Panikattacke hatte und ich mich von allen Problemen überrollt gefühlt habe, brauchte ich eine Weile, um mich davon zu erholen. Erst am späten Nachmittag bin ich aus dem Haus gegangen. Dafür habe ich dann einen Fußball käuflich erworben (der von der WM :) )

Mein Männe und ich waren zusammen auf dem Fußballplatz spielen. Es hat mir sehr viel Freude bereitet und ich habe mich richtig ausgepowert. Aller Stress ist von mir abgefallen und ich konnte mich dann auch richtig entspannen. Jetzt bin ich geradzu euphorisiert und kann auch früher ins Bett gehen ich bin auch schon müde.

Nun bin ich gespannt, was morgen für ein Tag wird.


Gute Nacht

24.06.2010 21:50 • #36


M
Hallo Yahila!

Wieso hattest Du eine Panikattacke, wenn ich fragen darf? Wegen Deinem Männe - oder wegen Deiner eigenen Welt? Deswegen auch das mit dem Psychotherapeuten?

Sport ist manchmal ein gutes Ventil, um den ganzen Frust mal loszulassen - das kenne ich von mir und meinem Freund auch sehr gut. Uns verbindet das gemeinsame Tanzen - ist manchmal auch gefährlich, weil die Harmonie eines Taznpaares gleichzeitig auch die Harmonie in der Beziehung wiederspiegelt. Will heißen, wenn wir uns gestritten haben, tanzen wir auch schlecht - umgekehrt sind die Höhenflüge des gemeinsamen Erlebens aber genauso schön. Und es geht einfach nichts über das gute Gefühl NACH dem Sport, wenn man so richtig ausgepowert ist - kann ich nachfühlen, dass Du da um kurz vor 11 müde ins Bett fällst! Manchmal beneide ich die Menschen, die tagsüber nicht nur mit dem Köpfchen, sondern auch körperlich arbeiten müssen - ich glaube, die fallen abends wesentlich tiefenentspannter ins Bett als unsereiner.
Aber zurück zum Thema - ich habe in einem Deiner letzten Beiträge hier gelesen, dass ihr nun so große Probleme wegen seiner Lustlosigkeit im Bett habt... Und dass er Trimipramin einnimmt.
Nun, als Medizinerin muss ich dazu sagen - mach ihm keine Vorwürfe (und vorallem Dir selber auch nicht!) - es liegt nicht daran dass er Dich nicht mehr attraktiv findet oder ähnliches, sondern es liegt eindeutig am Medikament. Das ist ein sog. trizyklisches Antidepressivum, und die sind bekannt dafür, dass sie sich negativ auf die Potenz ( Libido) auswirken. Leider sagen das die meisten Ärzte ihren Patienten nicht - und die rutschen dann zu Hause noch tiefer in ihre Depression, weil im Bett plötzlich nichts mehr läuft und sie denken, kann ich denn jetzt nicht mal mehr das?
Daher bitte ich Dich, hab Verständnis für ihn! Ich habe selber eine ausgefüllte Beziehung, was das betrifft, und ich weiß, wie wichtig das für die emotionale Ebene ist, gerade wenn man sonst Probleme hat und oft streitet... Und ich kann mir vorstellen, wie sehr es Dich trifft, wenn dieser Teil Eurer Beziehung nun plötzlich so einbricht!
Aber ich glaube nicht, dass er bei Megan Fox oder wem auch immer anders reagieren würde als bei Dir. Du musst Dir klarmachen, dass es wirklich am Medikament liegt, nicht an Dir!!! Und dass er es nicht böse meint - auch wenn der eigene Frust einen manchmal zu anderen Gedanken verleiten will.
Ich frage mich als Medizinerin: Muss es als leichtes Schlafmittel wirklich ein Antidepressivum sein, was eben die Nebenwirkung mit der Impot. und Lustlosigkeit nunmal in vielen Fällen hat? Vielleicht spricht er oder auch Du mit ihm gemeinsam nochmal mit dem behandelnden Arzt, da gibts mit SIcherheit noch Alternativen!!!

Eure Streitereien zum Thema Haushalt habe ich mit einem Lächeln gelesen - kommt mir sehr bekannt vor, dieses Streiten um Nichtigkeiten, mein topic hast Du ja heute schon gelesen
Mein jetziger Partner wehrt sich zwar auch mit Händen und Füßen gegens Kochen (hat in seiner alten Beziehung immer seine Ex gemacht und er lebt irgendwo auch gerne das klassische Rollenbild), in für mich besonders stressigen (Prüfungs)Zeiten brutzelt er mir aber auch schon mal was Kleines zusammen... Und einkaufen gehen und putzen muss er in seinem Haushalt sowieso selber, wir wohnen getrennt - hat auch so seine Vorteile Nichtsdestotrotz streiten wir uns desöfteren auch schon mal darüber, ob und wann eingekauft wird, dass ich schon wieder Wasserkisten schleppen musste für uns oder wie er meine Handtücher waschen soll... Ich glaube, das ist einfach normal, wenn man den Alltag miteinander teilt, und keine Besonderheit von unseren eher schwierigen Männern. Eine Freundin von mir hat sich gerad mit ihrem Männe gezofft, weil dem ihre Bügelkünste für seine Hemden nicht gut genug waren... Daraufhin hat sie sich geweigert ÜBERHAUPT noch irgendwas von ihm zu bügeln... Er hat nun bügelfreie Hemden gekauft
So sind sie eben, die Männer!
Und mit diesem Zwinkern verabschiede ich mich nun auch in eine hoffentlich entspannte Nacht... Die letzte war nicht so super, ich war total unruhig, ständig wach und unterbewusst mit vielem beschäftigt, aber die nächste wird besser!

Dir wünsche ich auch eine gute Nacht - schlaf gut und bleib so stark!

24.06.2010 22:28 • #37


S
Liebe Yahila,

ich bin vielleicht kein guter Ratgeber, was Dein Thema mit der S. angeht.
Denn ich habe mit dem Thema große Schwierigkeiten.

Ich kenne mich mit den Unterteilungen der Ántidepressiva nicht gut aus.

Ich nehme z.b. Velanfaxin und bei mir im Beipackzettel steht als häufige Nebenwirkung u.a. auch Orgasmusstörungen beim Mann bis hin zur Impot..
Ich kann mir aber trotzdem vorstellen, wie belastend eine solche Situation für Euch beide ist, gerade auch deswegen, weil ihr sehr häufig S. hattet.
Da halte ich es wirklich für sinnvoll, nochmal mit dem Arzt zu sprechen, ob Dein Mann ein anderes Medikament nehmen kann.
Obwohl ich schon oft gehört habe, dass diese S. Störungen gerade bei der Einnahme von Antidepressiva häufig auftreten.
Aber ein aufklärendes Gespräch mit der ärztlichen Seite schadet auf keinen Fall.

Und gerade, weil so etwas beim Mann häufig auftreten kann, brauchst Du Dir wirklich keine Gedanken zu machen, dass es an Dir liegen könnte. Ich gehe mal davon aus, dass Dein Mann Dir das bestätigen wird, wenn Du ihn persönlich darauf ansprichst. Und trotzdem kann ich Deine Gedankengänge auch nachvollziehen. Wir Frauen stellen sehr schnell unsere Attraktivität in Frage, wenn es im Bett nicht mehr funktioniert!

Du möchtest jetzt doch eine Therapie machen? Das ist gut! Was macht es Dir denn so schwer, diesen Schritt in die Tat umzusetzen?
Du schreibst von Panikattacken, die Du hast. Das ist noch ein Grund mehr, Dir auch therapeutische Hilfe zu holen.

Ihr seid beide in einem anstrengenden Prozess. Dein Mann als Betroffener, der gerade dabei ist, aus dem Stillstand herauszukommen, aber auch Du als betroffene Angehörige. Du hast viel Last mitgetragen und trägst sie immer noch.
Du hast Dich bisher sehr in den Hintergrund gestellt und Deine Bedürnisse auf Grund der belastenden Situation sehr zurückgeschraubt. Dein Mann hat die therapeutische Hilfe und Unterstützung und Du als Lastenträger brauchst dies ebenso, denn Deine Akkus sind auch immer leerer geworden.

Ich wünsche Euch weiterhin viel Kraft auf diesem Weg und wünsche Dir, dass Du Dich überwinden kannst, Dir auch Unterstützung zuzugestehen!

25.06.2010 00:19 • #38


Y
Danke Danke Danke !!!!


Ich habe eine Antwort geschrieben - aber die ist zu lang. Das will ich euch nicht antun.


Ich hoffe ich kann morgen eie grkürzte Version hier reinstellen.


Gute Nacht

26.06.2010 00:53 • #39


Y
ich habe in der letzten nacht sehr viel aufgeschrieben. es sind mehr als 2000 wörter und ich habe skrupel, euch damit zu überrumpeln. leider fällt mir immer noch kein fazit ein, wie ich das alles auf den punkt bringen könnte. ich bin sehr verzweifelt und leide, ich habe das gefühl, ich bin nun endlich MEINEM problem auf er spur. mittlerweile bin ich mir sehr sicher, dass ich am Montag die Therapeutin anrufe.

Gestern war ja mein Freund, der Psychotherapeut bei mir zu Hause und ja - in gewohnter Manier hat er mich zum Sprechen gebracht und wir sind sehr weit gekommen und er hat mir offenbar die richtigen Schubser gegeben.

Soviel kann ich sagen, dass die Situation, das mein Männchen nun krank ist und ich Angehörige bin, mich wieder in eine kindlcihe Entwicklungsstufe zurückgeworfen hat, über die ich leider aufgrund meiner Geschichte nie hinauskommen konnte. Ich habe es zwar geschafft, mich zu stabilisieren und mich ziemlich gut durchzuwursteln. Aber sobald mich etwas destabilisiert, so wie die Krise mit seiner Depression, fehlen mir einfach diese paar wichtigen Entwicklungsschritte. Als ich erwachsen werden wollte, sind leider alle in meiner Familie krank geworden, oder ins Ausland gefahren (weg, nicht verfügbar), oder letztendlich gestorben. Das hat angefangen als ich 12 war, und hat erst aufgehört als ich so 16 war. Ich habe meine Gefühle damals in den Dienst derer gestellt, denen es ja nunmal schlechter ging als mir.

(Ich zu mir: Jetzt zieh diese hässliche Hose an, wenn es Mutti dann wenigstens ein bisschen besser geht, weil sie diese Hose so hübsch findet... Warum kannst du nicht ein wenig dünner und hübscher oder klüger sein - soll Mutti sich auch darum noch Sorgen machen? Wenn du jetzt anfängst zu heulen, was soll denn Vati denken, der viel mehr Grund zum heulen hat? Kannst du dich nicht einmal zusammenreißen, damit es deiner Schwester ein wenig besser geht? Wieso musstest du was mit diesem Typen anfangen, soll Vati sich noch mehr Sorgen machen? Stell dir mal vor, Vati kippt tot um, dann war das letzte was du zu ihm gesagt hast .... ! Wenn du das und das tust, stell dir vor, Oma würde noch leben, was würde die davon halten? Wenn du jetzt wegen der gebrochenen Nase jammerst, dann leidet Mutti mit, hör auf zu jammern!)


Auch begleitet mich ein so tiefes und schweres Gefühl der Schuld. Heute weiß ich, dass diese Schuld irrational und nicht existent ist, aber da gehen der Verstand und das Gefühl nicht miteinander. Das Ende vom Lied ist, dass einfach selber sehr krank und kaputt bin und ich das Gefühl dafühl entwickeln muss, das auch zu dürfen. Bisher habe ich es mir einfach nicht erlaubt (Meiner Mutter, meinem Vater, denen gehts schlecht, aber MIR doch nicht genug, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken...).

Ich wünsche mir sehr, dass mein Partner bei mir bleibt, auch wenn ich nach einer Therapiesitzung nach Hause komme und es sich rausstellt, dass ich vielleicht auch selber krank bin, an verschrieben Medikamenten und Sitzungen vielleicht auch kränker als er. Das sind so die Gedanken, die mir Angst machen und die mich auch sehr behindern, diesen Schritt zu machen.



...

Draußen ist schönes Wetter, ich gehe heute Fußball spielen. Meine Mutti hat mir gestern Fußballschuhe gekauft


Liebe Grüße an euch alle und Danke, wenn ihr jetzt nicht aufhört, hier zu lesen.

26.06.2010 10:55 • #40


Y
Ich gehe jetzt kicken. Alleine.

26.06.2010 18:31 • #41


S
Liebe Yahila,

ich finde es sehr schön, dass Du Dich so langsam öffnen kannst.

Deine Beiträge können so viel Zeichen haben wie sie wollen /Du willst, ich werde immer mitlesen, weil es mich sehr interessiert!
Du musst Dich hier nicht begrenzen, hier darfst Du endlich mal volle Aufmerksamkeit haben, hier darf es so schlimm sein, wie Du es eben fühlst und es wird hier nicht verglichen, wem es evt. schlechter geht!

Zitat von yahila:
Bisher habe ich es mir einfach nicht erlaubt (Meiner Mutter, meinem Vater, denen gehts schlecht, aber MIR doch nicht genug, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken...).

Du bist schon als Kind unbewusst in eine Erwachsenenrolle gedrängt worden. Du sorgtest dafür, dass es den Erwachsenen gut ging oder dass es ihnen nicht schlechter ging! Dein kindlichen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung sind in einem Loch verschwunden. Die Rollen sind vertauscht worden, Du bist und warst die Starke und weil Du so stark wirktest, weil Du die Aufmerksamkeit aus falscher Bescheidenheit nicht eingefordert hast, kam eben leider auch niemand auf die Idee, dass Du auch noch Bedürfnisse hattest.

Ich war auch in einer sehr ähnlichen Sitation. Als ich 10 war, ist meine Mutter Alk. geworden, meine Eltern stritten sehr viel, ich hatte richtig Angst und ich war dafür da, dass es nicht eskalierte. Ich wusste, ich muss ganz brav sein, damit ich nicht auch noch Anlass dazu bin, dass sie Streit bekommen.
Ich sorgte dafür, dass mein Vater abends die leeren Flaschen nicht fand, ich versuchte Streit zu schlichten, ich sollte auch immer Schiedsrichte sein, jeder von beiden versuchte mich auf seine Seite zu ziehen.
Mein kindlichen Bedürfnisse hat keiner mehr gesehen und ich habe auch nie was darüber verlauten lassen.
Alles, was ich fühlte, meine Sehnsüchte, meine Ängste, alles habe ich tief in mir vergraben und habe es mit mir alleine ausgemacht.

Dann rutschte ich in eine nicht sehr schöne Ehe rein. Meine Schwester war damals auch schon psychisch krank, alle Aufmerksamkeit war bei ihr, meine Mutter sagte immer zu mir, dass ich doch eh stark sei und einen so guten Mann habe. Von dem jahrelangen S. Missbrauch wusste keiner was, nach solchen Sprüchen erst recht nicht, denn ich dachte auch immer, dass es nicht so schlimm ist. 13 Jahre habe ich es vor jedem verheimlicht, auch vor meiner Familie, weil meine Schwester ja schon so krank war, meine Mutter sich schon sehr um sie sorgte, da darf ich nicht auch noch kommen. Und ich wäre so gerne auch mal schwach gewesen, habe mir es aber auch nie erlaubt!

Ich finde es richtig gut, dass Du anfangen kannst, in Dich hineinzuschauen, auch mal hinzuschauen und anfangen kannst, das Kind in Dir, dass in gewisser Form Kind geblieben ist, wahrzunehmen.

Zitat von yahila:
Ich wünsche mir sehr, dass mein Partner bei mir bleibt, auch wenn ich nach einer Therapiesitzung nach Hause komme und es sich rausstellt, dass ich vielleicht auch selber krank bin, an verschrieben Medikamenten und Sitzungen vielleicht auch kränker als er. Das sind so die Gedanken, die mir Angst machen und die mich auch sehr behindern, diesen Schritt zu machen.

Das würde ja auch bedeuten, dass Dir mindestens genausoviel Aufmerksamkeit zusteht. Ich kenne dieses Gefühl auch, leider auch heute noch, es fällt mir schwer,mir auch diese Aufmerksamkeit zu nehmen, ich bin immer noch zu bescheiden und habe mich auch öfter schon gefragt, ob es denn wirklich so schlimm ist, dass ich so viel Aufhebens machen muss!

Du bist ja auch plötzlich in einer völlig anderen Rolle, eine völlig ungewohnte Rolle, nämlich die Rolle der Kranken, die auch Hilfe braucht und nicht mehr die Rolle der gesunden, die die anderen Kranken, denen es ja SO viel schlechter geht, versorgt und unterstützt.

Ich wünsche Dir sehr, dass Du am Ball bleibst und weiter forschst, Du bist auf einem guten Weg, auch wenn es Dir schwer fällt, in diese Rolle zu schlüpfen.

Übrigens meine ich mit Rolle nicht eine Schauspielerrolle, nicht dass Du das falsch verstehst.
Denn es ist kein Schauspiel, es ist Realität!

Ein herzlicher Gruß von mir an Dich!

26.06.2010 23:39 • #42


Y
Danke für die viele Sonne, mein Blümlein !

27.06.2010 20:26 • #43


Y
Ich habe versucht, meine Geschichte aufzuschreiben.

Keiner muss das lesen. Wer nicht will, überspringt bitte einfach.



Teil I



In der Zeit in der ich erwachsen werden sollte, in der ich mich selbst entdecken und von meinen Eltern absetzen wollte, ist mein ganzes Umfeld erschüttert worden. Mit 11 Jahren habe ich mich das erste Mal verliebt - in die Animateurin auf Mallorca im Kinderclub. Da waren wir noch eine richtige, normale liebende Familie. Meine Mutti hat mich getröstet, dass die Animateurin für mich unerreichbar ist, aber immerhin hat die Animateurin mir ihr Armband geschenkt (und ich habe noch jahrelang daran gerochen ).

Als wir wieder in Deutschland waren, war für mich also die Zeit der vielen kleinen ersten Male, das erste Mal verliebt, die erste Periode, der erste BH und so weiter. Immer waren meine Eltern da, so wie es normal ist. Dann kam ein kleines erstes Mal, dass mich traumatisiert hat. Ehrlich gesagt, ich glaube ich habe noch nie darüber gesprochen. Ich habe mich für einen Jungen intressiert, der schon ziemlich älter war als ich, fast 18. Wir haben immer Tischtennis gespielt. Wie es so kommen muss, eine Freundin hat vorgeschlagen, mit zum Kletterplatz zu gehen. Ich war aber daran gebunden, mich so beim Spielen aufzuhalten, dass meine Mutter mich vom Balkon aus sehen konnte. Dann bemerkte ich schnell, dass der Junge auch mit zum Kletterplatz geht. Also bin ich im Bewusstsein, dass ich später zu Hause mir eine ordentliche Standpauke und Hausarrest abholen kann, weil ich für eine Zeit nicht sichtbar war, mitgegangen. Das war es mir also wert. Am Kletterplatz kam es dann schon sehr bald zu meinem ersten Kuss. Gerade als unsere Lippen aufeinander treffen, ich will gerade meine Augen schließen - habe ich am äußeren Rand meines Blickfeldes meine wütende Mutter anstapfen sehen. Sie war nicht einfach nur wütend. Sie war panisch und außer sich. Sie war so voller negativer Energie, ich füchtete, sie würde mich schlagen. Nach dem ruinierten Kuss - ich war wie vom Donner gerührt (erinnert euch mal mit welchem Schwall an Gefühlen der erste Kuss verbunden ist - bei mir wechselten die Gefühle zwischen Höhenflug und Todesangst, als ich meine Mutter sah). Sie schliff mich unter wütendem Geschrei nach Hause. In mir drin ist alles gestorben. Ich war voller Scham, völlig demoralisiert, ich wollte ehrlich gesagt, sterben. Ich wollte schwören, nie wieder etwas mit einem Jungen zu haben, wenn sie nur bereit wäre, mir zu verzeihen. Ich gab mir alle Schuld für ihre Gefühle. Ich konnte nicht wissen, was sie fühlte. Mein Vater wurde gerade mit einer Ambulanz in ein Krankenhaus gefahren. Ihre Panik galt nicht mir. Meine Mutti musste an diesem Abend meinen Vater, der über 40 Grad Fieber hatte, alleine in ein Krankenhaus fahren lassen, weil sie mich suchen musste. Sie musste mich über eine Stunde suchen, während sie nicht wusste, lebt ihr Mann - ist er tot ? Zu Hause angekommen, war mein Vater also nicht mehr da.

28.06.2010 14:55 • #44


A


Hallo yahila,

x 4#15


Y
Teil II


Sie unterzog mich einer Leibesvisite. Sie überprüfte meine Unterwäsche - etwas Sekret, dass sich aus meiner Erregung bei meinem ersten Kuss dort angesammelt hat, schloss sie, dass ich S. gehabt hätte und glaubte mir eben nicht, dass es kein Sper. war, von dem ich nicht mal wusste, wie es aussieht. Die Situation eskalierte nun völlig. Ich konnte nicht mehr sprechen, ich bekam auch keine Luft mehr und meine Lippen wurden bald blau. Meine Scham und meine Schuldgefühle - sie stoppten meine Atmung, meinen Herzschlag. Mit stechenden Brustschmerzen wurde ich ins Auto gesetzt, wir fuhren zum Krankenhaus. Mein Vater war schon auf der Intensivstation. Jeder Arzt wurde gebeten, ihn abzuhören, niemand wusste, was er hat. Uns wurde keine Hoffnung gemacht. An mein Ohr drangen die Worte, er würde vermutlich sterben. Ich kann nicht in Worte fassen, was mit mir passiert ist. Ich suchte nur nach einer Möglichkeit, ihm mein Leben zu geben. Ich betete inbrünstig, der liebe Gott möge meinen Vater verschonen und mich nehmen. Ich fühlte, ich würde nie wieder unbeschwert sein. Meine Kindheit war wie weggeblasen. Die Welt tat sich auf, als bedrohlich und tragisch und voll von unentrinnbarem Leid. Ich konnte nur an eines denken: Mein Vater sollte sterben - und ich habe mich mit Schuld beladen.

Er ist nicht gestorben. Er war zwei Jahre im Krankenhaus - sein Herz war angegriffen. Statt ins Schwimmbad gings ins Krankenhaus. Meine Mutti entwickelte Depression. Ich gab mir nur noch die Schuld für alles. Alle waren unglücklich und ich war machtlos dagegen. Aber auch dieses Leid war noch nicht genug. Bei einer Katheteruntersuchung infizierte Vati sich mit Hepatitis C. Unheilbar. Tödlich. Meine Oma kam zu dieser Zeit ins Krankenhaus. In einer Not-OP wurden Galleblase samt über 50 Gallensteinen unterschiedlichster Form und umliegendes Gewebe entfernt. Meine Schwester und ich waren alleine zu Hause. Anruf. Wir sollten ins Krankenhaus kommen.

Ich bin das erste Mal so weit ohne Mutti mit der S-Bahn gefahren. Diagnose: Krebs. An ihrem Krankenbett stehend, verabschiedete Oma sich von meiner großen Schwester. Sie ging für ein Jahr nach Amerika. Meine Oma sagte ihr nun bewusst, für immer Lebewohl. Sie sollte Recht behalten. Meine Schwester hat meine Oma nie wieder gesehen. Dann kam die Chemo-Therapie. Nebenwirkungen... Irgendwann wusste sie einmal nicht mal mehr meinen Namen. Verlegung in verschiedene Krankenhäuser. Im letzten wurde sie dann völlig vernachlässigt, Verdacht auf Misshandlung. Meine Mutti hat unsere Oma dann zu uns nach Hause geholt. Ein Zimmer in ein Krankenhauszimmer umgebaut. Mit Krankenhausbett, einem Schrank voller Windeln. Omas Verdauung war dann schon tot. Manchmal riss die Narbe, und die Flüssigkeiten kamen raus. Einmal ist auch der Beutel geplatzt. Ich habe meinen Vater noch nie brechen sehen zuvor.

Sie wurde immer kleiner, ihr Haar immer weißer. Sie wurde immer durchscheinender. Irgendwann war sie sogar kleiner als ich. Es wurde Omas Sterbezimmer. Sie hatte sehr starke Schmerzen, auch mit Morphium. Auch Halluzinationen, Kriegserinnerungen. Manchmal hat sie Mutti genannt, wie ihre Schwester, die im Krieg vor ihren Augen von einer Granate zerfetzt wurde. Manchmal hat sie uns vor den Russen und den Gräueln, die sie an den Frauen begangen haben, gewarnt. Manchmal hat sie hunderte von Spinnen, die Wand runterlaufen geglaubt.

28.06.2010 14:58 • #45

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