yahila
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Am Vorabend ihres letzten Tages, habe ich ihr ein letztes Mal Pudding gegeben. Am nächsten Morgen habe ich ihre Hände eingecremt. Von meinen Schulaufgaben erzählt. Oma hat geröchelt. Ich hatte das Gefühl, sie will mir etwas sagen. Leider hat sie das nicht mehr. Als ich von der Schule kam, war Oma tot. Meine Mutti hat eine Kerze aufgestellt, die ich im Ferienlager mit der Hand gezogen habe. Diese Kerze hat einen würdigen Einsatz gefunden. Ich war 14. Meine Mutti hat Oma gewaschen und ihr ein schönes Nachthemd angezogen. Ihre langen verbliebenen weißen Locken um den Kopf gelegt. Eine Locke haben wir ihr abgeschnitten, um sie zu behalten. Am Telefon habe ich es meiner Schwester gesagt. Sie war so viele Tausend Kilometer weg! Wir waren zu dritt auf Omas Beerdigung. Leider sah ich hinter der Kapelle den Leichenwagen, der Oma in einem Plastiksarg angefahren hat. Sie haben sie erst in der Kapelle in den Eichensarg getan. Das meine Oma ÜBERHAUPT in einem Plastiksarg gelegen hat, war nicht zu begreifen. Wir haben Fotos zusammengebunden mit Seidenschleifen. Die ganze vierköpfige Familie, ein einziges Foto nur mit unserem Hund war auch dabei. Wir haben die Fotos in ihre Hände gelegt. Ihre Nase war schon ganz eingesunken und spitz. Aber ihre Haare waren immer noch weiß und lockig. Während die Musik spielte, waren wir nur zu dritt. Ein ganzes Menschenleben lag da im Sarg – und nur drei Menschen saßen in der Kapelle, in der mehr als Hundert Menschen Platz gefunden hätten. Meine Vorstellung – dass auf einer Beerdigung hunderte Menschen in schwarz gekleidet weinen und alles voll ist mit weißen Rosen und seidenen Taschentüchern, sie entpuppte sich als Reinfall. Die Beerdigung war einfach nur einsam.
Wieder Telefonate Übersee. Nur selbst Glück zu empfinden, war doch schon Sünde. Nicht mal dem Massentrend Jugendweihe wollte ich folgen – einen Tag an dem es sich um mich dreht? Vater krank, Oma tot, Mutti unglücklich, Schwester weit weg? Ich kam mir klein und unbedeutend vor. Ich hatte gerade meinen ersten Freund, mit dem ich immerhin schon mal auf einer Couch einen Film im Fernsehen geschaut habe und der mir immer meinen Rücken mit Sonnencreme eingeschmiert hat. Als ich dann im Reitferienlager war, teilte er mir aber leider per Postkarte mit, dass er sich in eine andere verliebt hat. Naja. Das war nicht so schlimm, ich interessierte mich doch mehr für Pferde.
Als meine Schwester wieder nach Deutschland kam, sind sie gleich zu mir ins Reitcamp gefahren. Ich habe sehr geweint, als ich sie wiedersah. Leider war sie wie ausgewechselt. Damals verstand ich nicht, wie es eigentlich alles für SIE war. Nach diesem Jahr hat sie den Anschluss zu uns dreien nicht gefunden. Auch sie war randvoll mit Schuldgefühlen. Es folgten Jahre einer zerrütteten Familie. Ich konnte so vieles nicht begreifen, was denn die Ursache für alles Leid war. Meine Schwester und ich waren bald vollends zerstritten. Darüber wurde meine Mutter tief unglücklich. Ich gab mir immer wieder die Schuld. Die Rivalität zwischen uns Geschwistern war nicht mehr zu überbrücken.