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Selbstverletzendes Verhalten mit 54?

Betse66
Hallo, ich bin die Neue.
Naja, irgendwann ist es soweit, dass man das Gefühl hat, selbst richtig gute Freunde mit den Depri-Gerede zu überfordern und zu nerven. Oder? . Zum Glück hatte ich gestern abend die zündende Idee, im Internet nach einem Gleichgesinnten-Forum zu schnorcheln.

Ich lasse erst mal meine große Geschichte außen vor und möchte mein Problem in den Raum stellen. Ich bin seit Ende Februar 20 krank, irgendwann mit der Diagnose: Somatisierungsstörung/Anpassungsstörung, mittlerweile schwere Depression. Da ich bereits Medikamentenerfahrung bzgl. Depressionen habe, war für mich recht schnell klar, wenn du dich nicht bewegst und aufs Essen achtest, bist du innerhalb kürzester Zeit 10 kg schwerer. Dank Corona gab es nur eine Möglichkeit, ab in den Wald. Obwohl ich Arthrose in den Füßen habe, laufe (wandern/Nordic Walking) ich immer noch weiter, wenn die Füße schmerzen - 8 -12 km 3-4 mal die Woche. Es muss weh tun. Irgendwann kam die Erkenntnis: Jetzt spüre ich meinen Körper! . auch wenn es mir gedanklich keine Erleichterung bringt. Seit Anfang Juni darf ich wieder ins Fitnessstudion. Ist das die Lösung? Kann ich da meine Füße entlasten? Ja, kann ich und ich schaffe es auch meinen Kopfkreisel auszuschalten . aber auch hier gilt: Es muss weh tun, ich muss meinen Körper spüren! Pfingstmontag habe ich mich seit Jahren wieder auf ein Fahrrad gesetzt. Das könnte ja eine Alternative zum Laufen werden. Auf dem Heimweg habe ich dann Bekanntschaft mit dem Straßenbelag gemacht. Naja nicht weiter schlimm . ein paar Abschürfungen.

. und jetzt denke ich, beginnt bei mir eine Phase, die mir Angst macht. Meine Abschürfungen dürfen nicht mehr abheilen. Ich versuche sie am Leben zu erhalten. Grint abmachen bis Blut kommt (ich kann kein Blut sehen!), mit Hornhautschwamm Haut abruppeln. Ich schlage mit dem Kopf an die Türkante, ich schlage mit einem Kosmetikglasbehälter auf genau diese Stelle. Meine rechte Stirn ist bereits verfärbt und diese Verfärbung zieht sich jetzt schon bis zum Wangenknochen.

Momentan habe ich Erstgespräche mit Psychologen. Das mit dem Sport kam bereits zur Sprache. Da kam auch der Hinweis: Vorsicht vor Selbstverletzung. Wegen meiner Gesichtsverfärbung hat mich bis heute keiner angesprochen.

Ja, ich lass das jetzt mal so im Raum stehen. Aus meiner beruflichen Erfahrung weiss ich, dass selbstverletzendes Verhalten das Problem von Jugendlichen ist. . ich bin 54!

Ich hoffe auf ein paar gute Ratschläge, Worte . keine Ahnung, schreibt einfach eure Gedanken dazu. DANKE.
Betse

20.06.2020 09:22 • x 2 #1


E
Hallo Betse,

SVV ist sehr facettenreich und absolut alterunabhängig. Richtig ist, dass das bei Jugendlichen viel häufiger entdeckt wird- diese stehen aber auch viel eher unter Beobachtung ( Schule, Eltern,Erzieher, Ärzte ). Ob dies zu einer realistischen Einschätzung führen kann, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ich selbst habe mich in schlechten Zeiten durch andere körperlich verletzen lassen, habe S. Spielarten dafür genutzt, weil ich selbst die Grenze hin zum kaum aushaltbaren nicht überschreiten konnte.

Derzeit ist es ein Grenzgang zwischen dem was ich genieße und dem, was sich für mich falsch anfühlt. Stoppen kann ich es mittlerweile gut, auch wenn dadurch nicht die vermeintliche Befriedigung einsetzt.


Ich bin davon überzeugt, dass du hier einen guten und sehr erfahrenen Austausch mit den anderen erwarten kannst.

Bis dahin, bestes!

20.06.2020 09:34 • x 2 #2


A


Hallo Betse66,

Selbstverletzendes Verhalten mit 54?

x 3#3


Betse66
Hallo ClaraFall,
danke für die Willkommensnachricht. Bin gespannt, was noch alles kommt. Hauptsache ist, dass ich mich nicht allein fühle.

20.06.2020 09:38 • x 1 #3


Kate
Hallo Betse,

Ich kenne so ein Verhalten auch, und bin 42. Es ist also keine Sache des Alters. Bei mir geht das öfter in die Richtung, sobald jemand nett zu mir ist, ertrage ich das nicht und verletze mich selbst, um den Schmerz zu spüren, der in meinen Augen vollkommen normal ist und zu Beziehungen dazu gehört. Auch ist das bei mir Kein Zwang, sondern ich will es so. Ich wache manchmal morgens auf und habe keine Ahnung wo die Verletzungen am Arm etc. über Nacht hergekommen sind.

Vielleicht magst Du Dich fragen, was Dir das bringt, dass diese Verletzungen nicht heilen dürfen? Ich würde es auf jeden Fall therapeutisch besprechen.

LG Kate

20.06.2020 09:42 • x 2 #4


Betse66
Hallo Kate,

erst mal danke für deine Rückmeldung. Ich habe am Dienstag mein 3. Psychologen-Erstgespräch. Mal sehn, wie diese Therapeutin mich anspricht. Ich habe mir schon vorgenommen, das Thema gleich anzusprechen. Es belastet mich sehr, weil ich nicht weiß, wie weit ich gehe. Dazu kommt, dass ich seit geraumer Zeit Aggressionen zu Personen verspüre, die ich so nicht nach außen bringen darf. Ich vermute, dass das beides miteinander zu tun hat.

LG Betse

20.06.2020 09:54 • x 1 #5


Kate
Zitat von Betse66:
Dazu kommt, dass ich seit geraumer Zeit Aggressionen zu Personen verspüre, die ich so nicht nach außen bringen darf. Ich vermute, dass das beides miteinander zu tun hat.

Das ist die Krux bei der ganzen Sache. Da man es, verständlicher Weise, nicht nach außen richten kann und wenn ein adäquater Umgang mit den Aggressionen fehlt, sprich sie so umzuwandeln, abzubauen, das man sie im Griff hat, dann richten sich diese Aggressionen früher oder später gegen einen selbst. Das ist wie ein Selbstläufer.

Dieses Verhalten verfestigt sich dann und wird zum normalen Umgang mit Aggressionen.

20.06.2020 10:00 • x 2 #6


Betse66
Bingo! Da weiß ich ja wenigstens, dass meine Vermutungen nicht ganz abwegig sind.

20.06.2020 10:05 • #7


Kate
Die anderen Personen kann man nicht ändern, nur sich selbst und den eigenen Umgang mit solchen Personen. Klingt in der Theorie einfach, in der Umsetzung ist es allerdings wirklich schwer (für mich zumindest).

Versuch es in der Zeit vielleicht mal mit einem Gummi am Handgelenk, und immer wenn Du das Bedürfnis nach SVV verspürst, lässt Du ihn an Dein Handgelenk schnippen. Je nach Intensität verursacht auch dies Schmerzen. Ich hatte zeitweise Handgelenke, als hätte man mich tagelang gefesselt, aber alles besser als tiefe Verletzungen.

20.06.2020 10:14 • x 2 #8


Betse66
Die Idee merke ich mir. Danke. Ich denke, mein Vorteil ist, dass mir bewusst ist, dass ich da etwas tue, was so nicht sein soll.
Ich habe in meiner beruflichen Praxis häufig mit Jugendlichen mit psychischen Problemen zu tun (gehabt). Eigene Mobbingerfahrung und familiäre Probleme (Scheidung, Tourette-Syndrom mit psychischen Begleiterscheinungen meines großen Sohnes) haben mir schon vor Jahren meine psychische Belastungsgrenzen aufgezeigt. Nach meiner psychosomatischen Kur 2005 ging es recht gut und ich konnte durch meine körperlichen Anzeichen beginnende depressive Episoden oft erkennen.
Aber so wie es diesmal abläuft?
Übrigens ich war gerade wieder im Wald, im Schlamm und Gestrüpp. Alles tut weh, aber wie sagt man so schön: Mir gehts gut.
LG

20.06.2020 15:09 • x 1 #9


Irgendeine
Meine Skills sind:
- Kühlpack auf die inneren Handgelenke. Da muss man allerdings aufpassen, dass man sie nicht zu lange drauflässt, sonst gibt es Verbrennungen.
- Eiskalt Duschen.
Muss man sich aber zu überwinden können.
- Einen Igelball aus Metall.
- Rote Linien auf die Arme malen und sich vorstellen, dass das alles bleibende Wunden sind. Der Skill geht nur manchmal.
- Das schon beschriebene Gummiband.
- Ammoniak riechen.
Mein absoluter Notfallskill, wenn gar nichts mehr geht.

Vielleicht hilft dir ja irgendwas davon.

20.06.2020 19:58 • x 2 #10


Kate
Zitat von Betse66:
Ich denke, mein Vorteil ist, dass mir bewusst ist, dass ich da etwas tue, was so nicht sein soll.


Du könntest auch in dem Moment versuchen, Dich zu fragen, warum das jetzt genauso sein muss. Was macht das in dem Moment oder kurz danach mit Dir. Und wenn Du das Gefühl benennen kannst, was es in Dir auslöst (Erleichterung, Aggressionsabbau etc.) was gibt es noch für Möglichkeiten, dieses Gefühl hervorzubringen/ zu erreichen, ohne die Selbstverletzung, zum Beispiel sich ins Auto setzen oder in den Wald gehen und ganz laut schreien. Das ist enorm befreiend und anstrengend.

20.06.2020 20:11 • x 2 #11


Irgendeine
Zitat von Kate+:
zum Beispiel sich ins Auto setzen oder in den Wald gehen und ganz laut schreien.

Und falls man die Möglichkeit grad nichg hat, tut es auch ein Kissen. Da kann man drauf einprügeln, reinschreien und -beißen.
Im Hintergrund (oder über Kopfhörer) Metal in voller Lautstärke. Also bei mir ist es Metal. Kann natürlich auch andere Musik sein.
Ich hoffe, es hört sich jetzt nicht zu bescheuert an, aber es hilft.

20.06.2020 20:17 • x 2 #12


Betse66
Zitat von Kate+:
Vielleicht magst Du Dich fragen, was Dir das bringt, dass diese Verletzungen nicht heilen dürfen?

Ja, Kate, dieser Satz geht mir seit gestern nicht aus dem Kopf. Ich weiß es noch nicht.
1. Wenn es immer wieder weh tut, spüre ich meinen Körper wenigstens physisch.
2. Will ich, dass mich jemand darauf anspricht? Was sage ich dann?
3. Brauche ich diese Äußerlichkeit, damit man mir glaubt, dass ich krank bin?
4. Will ich diese Aufmerksamkeit? Ich will mich doch zurückziehen von diesen ganzen Gerede und Getrasche.

Ich weiß nicht, was das alles mit mir macht. Ich war heute früh 5:30 Uhr schon wieder im Fitnessstudio. 1 1/2 Stunden powern, obwohl ich noch sehr müde war. Um diese Zeit treffe ich immer die gleichen Leute wieder, man grüßt sich trotz früher Stunde freundlich und lächelt. Mehr als 6 oder 7 sind nicht da, meist sogar weniger. Komisch, heute früh empfand ich das als echte Gemeinschaft. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht alleine bin, auch wenn ich es war.

Schreib ich wirr?

Habt einen schönen Sonntagnachmittag, wie auch immer ihr ihn euch gestaltet! LG

21.06.2020 12:03 • x 3 #13


maya60
Hallo Betsee66, ich kenne Selbstverletzendes Verhalten bei mir seit Kindheitszeiten und heute manchmal immer noch - mit 60 Jahren - nur als Haareknibbeln und Nägelkauen, was aber auch mehr oder weniger krass ausfallen kann.

Und ich kenne auch Zeiten, in denen ich heimlich und verdeckt einen Fingernagel oder eine Stelle auf dem Kopf wund hielt und das, sowohl den Schmerz als auch den Anblick, irgendwie als richtig fühlte, sogar mochte.

Sicherlich diente das dem Mich-Fühlen und in all dem überschießenden inneren Negativstress mein Fühlen noch irgendwie kontrollieren zu können.

Dann war ich aber auch immer der Ansicht, dass ich nach außen bringe, wie es innerlich in Wirklichkeit hinter der Fassade aussieht. Wund und verunstaltet nämlich!

Aggressionen in mir konnten den Negativstress natürlich auch überschießen lassen, ebenso wie Glück. Mein Problem ist ja die extreme ADHS-Reizoffenheit und solange ich der nicht genug Stille und Ruhe und Entschleunigung zu bieten hatte, zeigte sie das, agierte sie das außer in Erschöpfungsdepressionen auch in diesen Selbstverletzungen aus.

Auf jeden Fall gehört solch eine Ausprägung der Selbstverletzungen in psychotherapeutischen Dialog.

Liebe Grüße! maya

21.06.2020 12:22 • x 2 #14


A


Hallo Betse66,

x 4#15


Betse66
Vielen Dank maya,

meine Entscheidung, mich auf dieses Forum einzulassen, hat sich jetzt schon gelohnt. Es ist gut zu wissen, dass ich nicht allein mit meinen Gedanken bin. Wie eingangs geschrieben, merke ich, dass ich alle um mich herum überfordere, wenn ich auch nur ein bisschen von meinem Inneren preis gebe. Das will ich nicht mehr, weil es da echt liebenswerte Menschen gibt, die ich für die Zeit danach brauche.
Ich hoffe, dass ich den Termin am Dienstag bei der neuen 3. Psychologin nutzen kann, um diese Problem zu thematisieren. Mir ist soweit klar, dass ein Teil meiner Aggression sich auf meinen Vater (84) bezieht. Ich brauche hier echt eine Lösung, denn ich liebe meine Eltern und wie viel Zeit mir mit ihnen bleibt, steht in den Sternen.
Sorry, ich brauche eine Pause.

21.06.2020 13:40 • x 2 #15

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