Veränderungen in der Partnerschaft nach der Depression

Anika
Hallo Angelika

Zitat:
Was mich jetzt interessiert, ob ihr überhaupt noch körperliche Nähe habt, Vertrautes, Zärtlichkeiten. Nehmt ihr euch noch in den Arm? Hast du zuweilen ein warmes Gefühl, wenn du an ihn denkst? Nimmt er dich wahr mit deinen Wünschen und tut Dinge gerne für dich? Tust du gerne etwas für ihn, ohne Druck zu spüren? Für mich sind das neben Vertrauen und den anderen so lassen können, wie er ist, die wichtigsten Bestandteile meines neuen Lebens mit einem Partner. Danach sehnte ich mich in meinem Vorleben.


Körperliche Nähe ist seltener geworden. Es gibt sie z.B. das Küsschen beim nach hause kommen oder abends auf dem Sofa kuscheln. Zur Zeit ist mir eher selten nach S. und da mein Partner fast jegliche Umarmung gleich mit dem Wunsch danach in Verbindung bringt, halte ich mich zurück. Er reagiert zuweilen sehr wütend, wenn er will und ich nicht. Und da ist schon wieder dieses Hü und Hott. Er will oft, sehr oft und ich selten.
Früher habe ich halt auch mit gemacht, wenn ich gar nicht wollte. Einfach, um den Frieden zu bewahren. Das mache ich nicht mehr. Und wenn ich dann will, dann wirft er mir vor, dass er nur S. haben könne, wenn ICH bestimme. Wenn ICH sage, wann oder wann nicht.
Und das ist auch bei anderen Unternehmungen so. So bald ich sage, dass ich etwas nicht will, fühlt er sich kontrolliert und manipuliert. Und wenn ich sage, er könne das doch auch alleine machen oder mit jemand anderem (also...nicht den S. jetzt ) dann sagt er, dass es ihm keinen Spass machen würde. Wenn ich dann Vorschläge mache, wie seine geplante Unternehmung auch mir Spass bereitet, als Kompromisse suche, dann sagt er, dass ich schon wieder alles bestimmen will.

All das verwirrt mich sehr, weil ich dann nicht mehr weiss, welchen Anteil ich habe. Ob ich nun wirklich so schrecklich bin und dann suche ich wieder die Schuld bei mir.

Ich weiss nicht, ob ich warme Gefühle habe. Oft habe ich Sorge um ihn, weil er so anders sein kann von einer Minute zur anderen. Wir können schöne Momente haben, ein gutes Gespräch, lachen zusammen über etwas, aber ganz schnell kann die Stimmung umkippen. Entweder wird er wütend oder er verfällt in Selbstvorwürfe. Und dann kommen mir auch Ängste hoch. Und ich stelle mir dann die Frage, ob ich nicht doch Schuld bin.

Mein Vertrauen ist gesunken. Das habe ich irgendwann mit erschrecken fest gestellt. Vielleicht ist es zu oft vor gekommen, dass ich mich geöffnet habe, meine innersten Gefühle und Gedanken mitgeteilt habe, und er darüber wütend wurde.

Als ich in der Depression steckte, wollte ich mich von ihm trennen. Weil ich diese Verstrickung erkannte und keinen Ausweg sah. Wir haben uns so viel gestritten, als ich depressiv war. Als ich ihm ganz ernsthaft mitteilte, dass ich gehen werde, wollte er sich umbringen. Sich die Pulsadern aufschneiden. Wenn ich das aufschreibe, wird mir ganz schlecht. Es war so furchtbar. Ich verdränge die Gedanken an diese Nacht.

Ich fühle mich zunehmend verwirrt.

Manchmal denke ich, ob das schon an Beziehungssucht grenzt. Diese alten Muster auf zu decken, diese Beziehungsspielchen, und dann zu ändern.....das braucht so viel Kraft. Ich weiss nicht, ob ich die auf Dauer habe.

Ich finde deinen Ausdruck Tanz auf dem Vulkan klasse. Da kommt Kraft rüber und Feuer. Ich wünsche dir, dass du immer mehr diese Kraft und das Feuer spürst

Anika

17.02.2010 11:08 • #16


Anika
Liebe Missi,
auch bei mir kommen diese Sätze aus der Kindheit. Mein Vater war sehr dominant und für ihn war es wichtig, dass wir Kinder Leistung brachten und perfekt sind. Und das heile Familienbild nach aussen bewahrten. Wenn wir nicht funktionierten, reagierte er mit Gewalt. Körperlicher, so wie auch emotionaler. Meine Gefühle waren dabei völlig unwichtig und ich war ein sehr stilles Kind. Habe meine Bedürfnisse gar nicht geäussert. Ich habe mir eine eigene innere Welt aufgebaut, in der ich oft überlegte, oder auch Spiele ausdachte, wie ich alleine überleben kann. Meine Mutter hat sich nie gegen meinen Vater gewehrt, sondern immer stillschweigend alles gemacht. Sie hat mich somit auch nicht vor seiner Art beschützt oder mir vor gelebt, wie ich damit umgehen kann. Ausser: einfach parieren. Sie war oft krank und auch depressiv und meine Aufgabe war, ihr Sonnenschein zu sein, damit sie sich gut fühlte. Sie lebte genau so isoliert, wie wir Kinder. Ohne Freundinnen o.ä.
Ich habe Jahre lang in grosser Angst gelebt, sie könne sterben. Oft stand ich nachts ganz leise vor ihrem Bett und habe gelauscht, ob sie noch atmet.
Leider hatte ich auch keine anderen Bezugspersonen oder Vorbilder. Keine Grosseltern, Tanten etc. Nur meine Geschwister und die lebten ja im selben Dilemma. Wir lebten sehr isoliert, denn um das Ansehen nach aussen zu wahren, durften wir keine engeren Kontakte zu anderen aufnehmen. Auch in der Grundschulzeit nicht. Ich hatte keine Freundinnen. Erst als ich die Schule wechselte, mit 10 Jahren, änderte sich das.

Ja, auch bei mir ist da ein Gefühl von: Nicht mehr geliebt werden, wenn ich sage, was ich will. Angst, vor dem verlassen werden und nicht alleine überleben können. Wobei ich eigentlich weiss und mir bewusst bin, dass ich das kann. Es sitzt einfach so tief drinnen.
Mein Therapeut sagt oft, dass die alten Kindersätze nicht mehr gelten und ich mir meine eigenen Sätze sagen darf. Ganz neu. Mein eigenes Drehbuch.
Wenn ich mir das bewusst mache, spüre ich eine Leichtigkeit. Leider mischen sich die automatischen Kindersätze noch zu leicht dazwischen.

Zitat von Missi:
Einen Satz den sie sagte, hat mich zutiefst geprägt:Sie meinen also, Ihr Mann ist Schuld an Ihrer Unzufriedenheit, weil sie zu schwach sind, ihre Bedürfnisse zu äußern?! Ich wusste, dass das so nicht stimmen konnte. Ich konnte ihm erst dann die Schuld geben, wenn er nicht bereit wäre, auf meine Bedürfnisse einzugehen. Aber das war er, wenngleich auch nicht immer mit voller Freude. Aber so ist das nun mal in einer Ehe. Ein Geben und Nehmen.


Ein wahrlich sehr wichtiger Satz und logisch dazu.

Ob das Wort Schuld angebracht ist? Weil das spüre ich ja in meiner Beziehung als belastend. Allerdings umgekehrt. Mein Partner äussert ja seine Bedürfnisse unumwunden und wenn ich dann nicht darauf eingehe, gibt er mir die Schuld. Obwohl ich mich ja nicht schuldig fühlen sollte.

Es stehen sich ja eher unterschiedliche Bedürfnisse gegenüber. Und dann findet man einen Kompromiss, oder auch mal nicht. Bei dem Wort Schuld kommen mir gleich negative Gedanken. Vielleicht denke ich auch schon wieder zu viel

Dieses Üben von Bedürfnissen äussern, das ist ganz sicher sehr sehr wichtig. Auch wenn man auf Widerstand stösst. Nicht aufgeben, die eigenen Bedürfnisse wahr zu nehmen und auszusprechen. Für mich gehört Mut dazu, denn ich gebe zu leicht auf, wenn ich auf Widerstand stosse.

Grüsschen von Anika

17.02.2010 12:09 • #17


A


Hallo Anika,

Veränderungen in der Partnerschaft nach der Depression

x 3#3


S
Ich verfolge hier sehr interessiert die Beiträge.

Auch ich reihe mich mal mit ein. All das Beschriebene könnte auch meine Geschichte sein. Als Kind immer nur geduldet, Liebesentzug als Bestrafung. Ich habe schnell als Kind gelernt, durch ein sehr kräftezehrendes Tun, Aufmerksamkeit zu erpressen. Wenn ich funktioniert habe, habe ich auch Zuwendung bekommen.

So hat sich mein Verhaltensmuster fortgesetzt. Und so kam es, dass es genauso in meiner Ehe abläuft. Erst durch meine Therapie wurde mir meine Verhaltensweise bewußt.

Ich habe gelernt, dass ich mich ernst und wichtig nehmen muss. Genau dann gelang es mir immer besser, meine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Fehlendes Selbstwertgefühl, was mir in der Kindheit schon eingeimpft wurde, habe ich versucht abzulegen. Es gelingt mir zwar nicht immer, aber ich weiss jetzt woran es liegt, dass ich oft in die Opferrolle schlüpfe.

Wenn ich hinter dem stehe, was ich sage und einfordere, gelingt es mir auch immer besser, standhaft zu bleiben und mich nicht schuldig zu fühlen. Denn auch mein Mann kann wunderbar den Spieß umdrehen und mir die Schuld geben.

Ich wünsche euch und mir, dass wir es schaffen.

Serafina

17.02.2010 12:44 • #18


Anika
Hallo Serafina,
es tut einfach gut, dass ich hier aufschreiben kann und Reaktionen bekomme, die nicht verurteilen. Mein Tagebuch aus Papier ist so einseitig aber wichtig!

Und dass ich sehe, es gibt so viele mit ähnlichen Problemen. Jede hat ihr Päckchen zu tragen und jede hier stellt sich täglich den Überraschungen die das Leben und die Beziehung bereit hält.

Ich versuche, mir oft zu sagen, auch gerade, wenn ich mir unsicher bin, ob ich mich falsch oder richtig verhalten habe, dass ich ein unperfekter Mensch bin, so wie JEDER andere auch.

Anika

17.02.2010 13:19 • #19


S
hallo!

kindheit:

einige von euch haben hier ihre erlebnisse aus der kindheit beschrieben . ich kann diese dinge bestätigen; mein vater war zwar nicht gewalttätig, er hatte aber ein äusseres erscheinungsbild und selbstbewusstsein, das wirklich niemand auch nur auf die idee gekommen wäre ihn dazu zu ermuntern, denn als konsequenz hatte er schon mit einer trachtprügel gedroht. hinzu kam das er ein übertriebenes bedürfnis hatte aufmerksamkeit zu bekommen was dazu führte das er praktisch die instanz schlechtin, law and order der familie war. es gab ausschliesslich sein gesetz und ALLE hatten es zu befolgen. die mutter hatte uns nicht davor beschützt und wenn man damit aufwächst, meint man das es so sein müsse. man versuchte praktisch unsichtbar zu sein um nicht irgendeinen nervenaufreibenden konflikt heraufzubeschwören, andererseits versuchte man gedanken zu lesen und allzeit verfügbar zu sein um die vielen aufträge des vaters zu erledigen. liebe und zuwendung bekam man wenn man stets alle diese dinge erfüllte.
so geprägt wird man dann irgendwann ins erwachsen werden entlassen und landet unendlich anpassungsfähig in einer ...-

partnerschaft:

hier geht das spielchen weiter. man ist ja nett und lieb und macht wirklich JEDEN blödsinn mit. hauptsache man bekommt etwas liebe, anerkennung und natürlich auch S.. da sich der partner schnell an den bequemen allesmitmacher gewöhnt, glaubt auch dieser, dass er so ein leicht handzuhabendes menschlein nicht so schnell wiederbekommt und versorgt es mit allerlei suchtstillern und bosheiten (zuckerbrot und peitsche) um einen an der stelle zu behalten wo man sich befindet; nämlich nicht an seiner seite , sondern unterhalb der fußsohle. an diesem punkt kann man denke ich nciht mehr unterscheiden wer opfer und täter ist, denn man ist solange der mülleimer, fußabtreter für den partner , solange man es zulässt. ----ich hatte sehr lange höllische angst vor einer trennung. ich hatte nicth den geringsten sinn dafür es vielleicht mal mit einer anderen partnerin auszuprobieren. ......später ging es garnicht mehr und ich hab es doch ausprobiert; das hatte aber sehr lange gedauert.....viel zu lange. ich konnte es kaum glauben das mich ein fremder mensch mich mit so viel respekt und freundlichkeit behandelt. ........

das problem war das ich das wirkliche geliebt werden mir lebenslang durch unmögliche bedingungen hart erarbeiten musste.....dann plötzlich trifft man menschen von denen man etwas bekommt was man solange suchte und versucht dieses dann nicht wieder zu verlieren----praktisch das gleiche übel wieder!

deswegen:
--man muss lernen nötigenfalls allein klarzukommen, was nicht heissen soll das man keine feste partnerschaft haben soll. das o.g. geben und nehmen muss einigermassen gleichgewichtig sein.
--eigene wünsche sind unbedingt, sofern möglich zu erfüllen; man muß es allerdings selber tun. der partner hat oft kein interesse seine energie in für ihn nicht relevante dinge zu investieren.
--das eigene selbstbewusstsein steigt stetig wenn man seinen mitmenschen klarmacht das man selbstständig, allein agieren kann und auch ganz allein ohne fremde hilfe seine interessen und wünsche umsetzen kann. man darf nicht vergessen das wir in der regel auch allein sterben müssen....oder meinetwegen auch allein leiden, allein kopfzerbrechen, allein träumen etc.
--eine trennung vom partner sollte gut durchdacht sein, denn es kann sein das man ohne partner in ein tiefes loch stürzt aus dem man so schnell nicht wieder herauskommt oder sich in dieser situation in die nächste abhängigkeit/partnerschaft stürzt ------das ist dann noch weniger hilfreich!


diese dinge treffen sicher nicht auf jeden zu , und wer sie durchsetzen muss , braucht auch einige zeit dazu. ----das ergebnis ist fast magisch: nach schmerzlicher umsetzung gehen die mitmenschen auf meine bedürfnisse ein und respektieren mein freiheitsbedürfnis.

17.02.2010 14:36 • #20


F
Der rote Faden in meiner Kindheit, die aus mir einen Menschen gemacht hat, der immer den unteren Weg gegangen ist, zieht sich auch durch mein Leben. Bei uns war die Mutter die dominate, ich meine bis heute, dass mein Vater sich dem unterordnete, obwohl ... es gäbe da vieles zu erzählen. Ich wurde auch unsichtbar gemacht, ich hatte immer Angst vor den Eltern, besonders vor der Mutter, es wurde mit Heimabschiebung gedroht, wenn ich nicht funktionierte, obwohl ich eh schon nicht anwesend war. Ich frage mich oft, was ich Schlimmes getan haben muss, dass man mich so seelisch verkrüppelte. Zig Geschichten könnte ich hier erzählen. Es würde den Rahmen sprengen.

Wahrscheinlich bin ich deshalb auch die Mutter geworden, die ihren Kindern so gut wie alles erlaubte und ermöglichte (ob das nun richtig oder falsch war, sei dahin gestellt, ich tat mich jedoch schwer, meinen Söhnen Regeln beizubringen).

Und in der Zeit während der Therapie geschah halt das, was strooper beschreibt:

Ich habe mich irgendwann glücklich mit mir alleine gefühlt, ich war nie einsam, obwohl ich ohne Partner war. Ich habe mein Seelenglück nicht mehr von anderen abhängig gemacht, sondern habe meine innere Zufriedenheit erlangt. Diese jahrelange Unruhe (ich nannte es das Gefühl, als würden sich Ameisen unter meiner Haut bewegen) war irgendwann völlig verschwunden. Ich war zufrieden mit dem, was ich hatte, was ich lebte. Irgendwann war auch dieser Trieb, unbedingt einen Partner haben zu müssen, fort. Mir mit alleine ins Reine zu kommen, war mein Ziel und konnte erreicht werden.

Ich lernte meinen Mann erst danach kennen, so hatte ich für mich etwas durchbrochen, worunter ich jahre lang litt. Halt auch unter der Tatsache, immer wieder Männer kennen zu lernen, die auf das antrainierte Erziehungsmuster und meine damalige Ehe paßten. Männer, die mich klein halten wollten.

Ich habe mich nicht mehr von anderen abhängig gemacht, ich genügte mir selbst mit dem, was ich hatte, was ich für mich tat. Ich war sofern nicht mehr darauf angewiesen, dass mir andere Gutes tun zu ihren Bedingungen. So lernte ich Menschen schätzen, die mir Gutes tun konnten ohne etwas von mir zu erwarten.

Und ich bin mir im Klaren darüber, dass ich immer wieder, immer wieder, diesen Weg gehen würde und mich nicht von meiner Partnerschaft abhängig mache. Sicherlich würde es mir auch schwer fallen, das, was wir uns hier aufgebaut haben, zu verlassen, aber ich tat es schon einmal. Wenn es mir eng werden würde, dass ich mich in einer Zwangsjacke fühlen würde, müsste ich einfach wieder handeln, notfalls fliehen.

Das gilt jedoch nur für mich. Ich könnte es nicht mehr aushalten, so zu leben, dass ich stellenweise leiden würde. Ich wollte und will es für mich anders.

Im Moment bin ich in Sicherheit mit meinem Ehemann, in den fast sechs Jahren hat er mir nie das Gefühl gegeben, dass er mich benutzt, mich nicht achtet. Ich spüre seine Wertschätzung und den Respekt. Er behandelt mich so, wie ich es mir wünschte und ich mache es genauso mit ihm.

Wir bedanken uns gegenseitig für Kleinigkeiten, sei es einfach nur, dass er mir einen Kaffee kocht. Sich wahrnehmen. Unser Standesbeamter sagte vor fünf Monaten, als er uns traute, wir sollten immer freundlich miteinander umgehen, das sei das Geheimnis einer guten Ehe. Freundschaft sei die Grundlage. So wie ich den besten Freund behandele, so solle es mit dem Partner auch sei ... und wir beide freuten uns, dass wir uns über fünf Jahre lang schon so sahen und behandelten. Aber niemand hatte uns so darauf hingewiesen ...

(... und auch wir haben Auseinandersetzungen, schlechte Launen etc., ich möchte nicht, dass mein Geschriebenes wie ein Rosamunde-Pilcher-Roman anmuetet, jedoch bilde ich mir ein, dass wir eine gewisse Streitkultur haben, weil wir uns gegenseitig nicht demütigen)...

LG
Angelika

17.02.2010 16:49 • #21


Anika
Hallo,
gestern hatten mein Partner und ich ein sehr langes Gespräch. Es war wirklich gut, ohne gegenseitige Vorwürfe und Aggressionen. Wir waren sehr offen und haben auch darüber gesprochen, ob es noch Sinn macht, zusammen zu bleiben.

Wir haben beschlossen, es zu versuchen.

Als erstes haben wir uns vorgenommen, den Alltag auszubauen, der ja relativ harmonisch verläuft, weil er sich auf zusammen essen (vor der Glotze) und Fernseh schauen beschränkt. Z.B. mal wieder Brettspiele spielen, so wie früher oft. Auch mal essen gehen. Kleine Dinge halt.

Ich habe in dem Gespräch gemerkt, dass mein grosser Knackpunkt die Streits sind. Wenn unkontrolliert die Fetzen fliegen. Wenn ich an meine Kindheit denke und überhaupt mein Leben betrachte, dann waren Streits schon immer etwas ganz schreckliches für mich. Meine Eltern haben sich nie gestritten und wenn wir Kinder uns stritten, wurde es gleich unterdrückt. Ich habe das nie gelernt. Streiten und vertragen. Dass im Streit Dinge gesagt werden, die man selber oder der andere gar nicht so meint. Für mich geht einfach die Welt unter, wenn gestritten wird.
Ich nehme im Streit geäusserte verletzende Aussagen toternst, vergesse sie nicht und meine dann, ich müsse mich in Zukunft danach richten. Was natürlich äusserst unangenehme Gedanken und Gefühle in mir auslöst.

Das hat mit meinem, immer noch, geringen Selbstwertgefühl zu tun. Aber da arbeite ich ja dran.

Mein Partner denkt, ich sei noch depressiv und macht sich oft Sorgen deswegen. Das hat ganz sicher damit zu tun, dass ich mich verändert habe. Ich lache nicht mehr so einfach daher, wie früher. Bin ernster geworden. Verdränge die Dinge nicht einfach, sondern versuche sie auszudrücken. Möchte sie klären. Ich denke, ich konnte ihm seine Sorgen nehmen.

Wir sprachen auch über Trennung und es kam heraus, dass seine Angst vorm verlassen werden viel viel grösser ist und viel tiefer sitzt, als bei mir. Früher war sie bei mir auch sehr gross, aber mittlerweile weiss ich tief drinnen, dass es auch alleine weiter gehen würde für mich und nicht unbedingt nur negativ.
Dieses Gefühl hat er nicht und ich wünsche mir, dass er da mal genauer hin schaut. Und ich muss aufpassen, dass ich da nicht seine Therapeutin werde.

Wir haben versucht, auszudrücken, was Liebe für uns bedeutet.
Ich empfinde Liebe, wenn ich mich los gelassen fühle, wenn ich meinen Partner los lassen kann. Also, ein tiefes Vertrauen habe in mich und in ihn. Ein Gefühl von Freiheit in Verbundenheit.

Für ihn ist Liebe das Gefühl, für immer und ewig zusammen zu bleiben. Dass er sich meiner sicher sein kann.

Am Ende des sehr langen Gespräches (Stunden lang), in dem wir uns gesagt haben, wir wollen zusammen bleiben, es gemeinsam versuchen, Pläne schmiedeten, lachten, ehrlich waren.....sagte er toternst, dass ich ihm nun aber nicht versichert hätte, dass wir zusammen bleiben. Das hat mich so erschrocken, denn in mir war so ein liebevolles Gefühl in dem Gespräch entstanden. Ich habe wirklich diese Liebe in Freiheit gespürt. Ich habe gesagt, dass es DIE Sicherheit nicht gibt.

Und jetzt schreibe ich hier und denke: Mist, das ist ein sehr grosses Problem. Es ist schön, dass jeder sich bewusst gemacht hat, was seine Knackpunkte sind.
Am liebsten würde ich meinem Partner eine Therapie verordnen. Ich weiss nicht, ob er diese Angst alleine überwinden kann. Ich wünschte, er würde erkennen, wie viel leichter das Leben wird, wenn man diese Angst überwindet. Für ihn und auch für mich.

Ich habe echte Hoffnung geschöpft und das fühlt sich gut an. Ich weiss, dass ich diesen immer und ewig - Käfig verlassen darf und auch muss, was ja nicht Trennung bedeuten muss.

Grüsse von Anika

19.02.2010 10:47 • #22


F
.. trotz aller Zweifel einen großen Schritt gemacht ... ... das klingt gut ...

LG
Angelika

19.02.2010 11:21 • #23


Anika
Hallo,
vielleicht hat die Therapie ja doch was bewirkt. Dass mein Partner und ich offener reden können und auch Ängste zugeben mögen. Und Schwächen.

Und was du geschrieben hast, dass man sich im Streit nicht demütigt. Das ist eine sehr wichtige Sache. Wenn man doch weiss, dass der andere auch Ängste hat und sich oft schwach fühlt, dann haut man normalerweise ja nicht in diese Kerben. Unbewusst passiert es vielleicht schon mal.

Ich hoffe einfach, dass wir nun eine andere Redekultur entwickeln und uns schneller bewusst werden, wenn es eine aggressive Wendung nimmt.

Abwarten und nicht nur Tee trinken, sondern dabei euch bewusst bleiben

Ganz schönes Wochenende wünscht

Anika

20.02.2010 10:20 • #24


M
Hallo Anika,
ja, solche Gespräche habe ich auch immer wieder mit meinem Mann und sie tun mir auch so unendlich gut, wie du es beschrieben hast.

Ihr könnt stolz auf euch sein, dass ihr es schafft, miteinander zu reden statt nur übereinander, wie wir es heute immer wieder erleben können. Dieses Miteinander wird euch verbinden, Vertrauen schaffen und die Basis für euer Zusammenleben sein.

Ich wünsch euch beiden alles Gute!

21.02.2010 11:33 • #25


A


Hallo Anika,

x 4#11


Anika
Hallo,
weiterhin läuft es gut. Und wir können tatsächlich miteinander über unsere Probleme reden. Wir beissen uns nicht in irgendwelchen Kindereien fest, sondern überblicken, was da abläuft und können daher auch friedlich kommunizieren

Mir fiel letztens ein Buch von Jürg Willi über Zweierbeziehungen in die Hände und habe es verschlungen. Mir ist da noch mal einiges bewusst geworden.

Zum einen, dass unsere Partnerschaft in eine neue Phase tritt. Kinder aus dem Haus. Die einsamen Eltern bleiben zurück.

Zum anderen: Mein Mann ist ja ein ziemlicher Pascha und lässt sich gerne verwöhnen. Das war in all den Jahren, als die Kinder noch im Haus waren, ziemlich anstrengend. Und ich hatte immer den Anspruch: Bloss nicht werden, wie meine Mutter. Ein Hausfrauchen ohne Rechte, abhängig vom Mann, einsam, ohne Freundinnen, die schweigend alles in sich hinein frisst. Also habe ich mich um gute Anstellungen bemüht, wollte mein eigenes Geld haben, habe all die Jahre gearbeitet, und daneben habe ich mich noch um Haushalt, Finanzen, Kinder etc. gekümmert und auch noch um die Ansprüche meines Partners. Alle wollte ich zufrieden stellen!
Wenn ich mich mal beklagte, dass ich zu viel machen muss, hat mein Partner das überhaupt nicht so gesehen, sondern so gedreht, als ob er wahnsinnig viel mit hilft. Was definitiv nicht so war. Und dass ich doch so einen einfachen Job habe und er so schwer schuften muss. Darüber gab es häufig Diskussionen und Streit. Und im Endeffekt ist das ein grosser Grund mit für meine zwei Depressionen. Für diese tiefe Erschöpfung.

Ich habe das für mich erkannt und mein Mann hat es eingesehen. Ein Wunder!! Und es hat mir gut getan, dass er es ehrlich zu gegeben hat. Ich habe ja auch nichts im Streit vorgeworfen, sondern ihm ruhig gesagt, er solle doch einfach zugeben, dass er gerne verwöhnt wird und sich bedienen lässt und ein Pascha ist. Wir konnten dann auch gemeinsam darüber lachen.

Ich arbeite ja nun schon viele Monate nur sehr wenig ( bekomme aber noch ALG neben meinem Job) und habe festgestellt, dass ich eigentlich gerne den Haushalt mache. Koche. Und es uns gemütlich mache. Und dass ich deswegen absolut nicht wie meine Mutter bin (wobei ich jetzt erst richtig begreife, was sie durch gemacht hat), sondern immer noch eine Frau mit Rechten, eigenem Geld und eigenen Ansichten und Freundinnen und herrliche viel Zeit für mich selber
So habe ich meinem Mann den Vorschlag gemacht, dass ich in Zukunft nur noch wenig arbeite, dafür dann den Haushalt mache und ihm sein Paschadasein ermögliche. So wäre uns doch beiden gedient.
Falls ich wieder Vollzeit arbeiten sollte, werde ich eine bezahlte Kraft suchen, die den Haushalt macht. ICH mache das nicht mehr alleine!! Egal, auch wenn wir nur noch zu zweit sind und die Arbeit natürlich sehr reduziert ist, ohne Kinder. ICH werde mich auf Kompromisse mit meinem Pascha nicht mehr einlassen, denn ich weiss, dass sie von seiner Seite nicht eingehalten werden.

Im Moment geht es uns gut mit dieser Rollenverteilung, weil die Entscheidung bewusst getroffen wurde. Und im Moment kann ich mein fast Hausfrauendasein so richtig geniessen.

Schönen Tag von Anika

26.02.2010 09:21 • #26

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