Viele Jahre lang hatten meine Schwester und mein Schwager eine Berghütte im Allgäu gepachtet.
Ich liebte dieses große urige Haus sehr und auch unsere nun erwachsenen Kinder erinnern sich immer wieder gern an die Kuhglockenferien, wie sie den Urlaub damals nannten. Als die Kinder klein waren, wohnten wir noch in einer engen Wohnung zu sechst und Ferien in dieser Hütte bedeutete Freiheit pur, wie im eigenen Haus, in dem es 19 Betten gab, aber keinen Strom und in den ersten Jahren auch nur ein Plumpsklo. Almwiesen mit Jungvieh hatten wir als Garten außenherum.
Die Pass-Straße zum Tannheimer Tal hinüber war in Hör- und Sichtweite und den Ort Oberjoch konnte man zu Fuß in rund zwanzig Minuten erreichen. Mit dem Fahrrad gings schneller. Weder musste man klettern noch sich sonstwie abmühen, um diese Hütte zu erreichen.
Erst in späteren Jahren bekam das Haus einen Anbau mit WC und Dusche. Ganz früher holte man sich aus dem nahen Bach ein paar Kannen Wasser für die Körperpflege.
Mein absoluter Wohlfühlort war jedoch die kleine Plattform an der Quelle, oberhalb der Hütte. Ich zog oft mit meinem Korb voller nützlicher Sachen die paar Meter den Hang hinauf. Weit war es nicht. Auf dem Stein breitete ich eine Decke aus, setzte mich darauf und hielt die Füße in den Wasserstrahl, der je nach Wetter und Regen mal kräftiger, mal dünner war, jedoch immer eiskalt. Ich hatte kühlen Zitronentee und ein paar Kekse dabei, mein Fernglas, die Kamera, meinen Zeichenblock (obwohl ich total unbegabt bin), ein paar Stifte und mein Tagebuch.
Manchmal saß ich nur da und schaute mir die liebliche Gegend an. Die Gipfel des Iseler, des Zinken, des Ornach boten so ein schönes Bild, dass ich oft ganz still und andächtig wurde, dazu die saftig grünen Wiesen, der blaue Himmel, ein blinkendes Gipfelkreuz in der Sonne.
Ein Tag ohne ein paar Stunden an der Quelle war für mich damals ein verlorener Tag.
Vor rund zwölf Jahren hat die Hütte den Besitzer gewechselt. Seither war ich nur noch einmal dort, um zu schauen. Aber das war kein schönes Erlebnis.
Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut. Diesem Spruch von Mark Twain kann ich nur zustimmen.
17.09.2019 12:34 •
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