@Kate
Natürlich rechtfertigt mein Autismus nicht was ich getan habe.
Du schreibst, Autismus sei eine andere Art des Seins, weder besser noch schlechter.
Ich sehe es aber als eine schlechtere Art des Seins, weil viele Autistin(ich weiß das aus einem Autistenforum, dass es anderen auch wie mir geht) schon von frühester Kindheit an Opfer von Mobbing sind und spüren, dass sie anders als ihre Altersgenossen sind und nicht mit diesen mithalten können. Schon im Kindergarten und in der Grundschule hatte ich immer das Gefühl, mit mir stimmt was nicht, denn cih wurde von anderen Kindern gemobbt und abgelehnt.
Wie soll ich das jetzt beschreiben: Der Autismus hat bei mir ein normales Leben verhindert, wenn man so eine Behinderung hat, ist es schwer seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Und ich gehöre nicht zu den autistischen Überfliegern, die überdurchschnittlich intelligent sind und aufgrund ihrer Talente leichter einen Job finden. Ich habe nur normalen IQ und das reichte nicht, die Defizite, die ich im sozialen Bereich habe auszugleichen. Das jahrelange Mobbing führte bei mir zu schweren Depressionen und Angstzuständen, so dass nur die Frührente blieb.
Wer nicht selbst von Autismus betroffen ist, kann sich nicht ansatzweise vorstellen, wie das sich anfühlt, und es fühlt sich nicht gut an.
Schon als Kind wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ganz normal sein zu können, wie alle anderen, endlich akzeptiert und Teil der Gemeinschaft zu werden.
Heute, mit 41 Jahren, ist mir längst klar geworden, dass ich niemals so akzeptiert werden werde wie ich bin, und niemals Teil einer Gemeinschaft sein kann. Meine einzigen sozialen Kontakte sind meine Eltern und ein paar Verwandte und die Therapeutin, sonst habe ich niemanden.
Ich habe mich, seit der Autismusdiagnose sogar noch mehr, zurückgezogen und meide andere Menschen, gehe eigentlich nur zum Einkaufen unter Menschen, ansonsten gar nicht mehr. Wenn ich rausgehe, dann meistens in den Wald, wo man fast nie auf andere Menschen trifft. Gerade in der Woche kann man da oft mehrere Stunden spazierengehen, ohne auch nur einen Menschen zu treffen.
Autismus zu haben bedeutet in vielen Fällen auch lebenslange Einsamkeit für die Betroffenen, vor allem, wenn die Diagnose erst im Erwachsenenalter kommt. Ja, Autismus ist eine andere Form des seins, aber eine schlechtere. Was andere schon als Kinder können, Freundschaften schließen, Smalltalk machen, das müssen Autisten mühsam in der Therapie lernen, und selbst dann bleibt das Reden mit anderen Menschen für mich so anstrengend, als ob ich einen hohen Berg erklimmen würde.
Nein, das rechtfertigt keineswegs was ich getan habe und ist auch keine Entschuldigung dafür.
Es erklärt nur, wie es dazu kommen konnte.
Menschen, die nicht Teil der Gemeinschaft sein können, entwickeln mit den Jahren auch Wut und Frust
Ich habe da leider nur den falschen, einen ziemlich gemeinen Weg gewählt, meinen Frust, meine Wut und meine Angst rauszulassen.
Ich habe mich aber jetzt im Internet schon ein bisschen über das Thema Rassismus informiert und war verwundert darüber, wie ähnlich die Gefühle meiner Opfer meinen eigenen sind. Ich habe irgendwo gelesen, dass viele von ihnen das Gefühl haben, in Deutschland nicht dazuzugehören, und das ist im Grunde das gleiche Gefühl, dass ich selbst auch habe.
Das hat mich wirklich überrascht. Ich dachte immer, dass diese Menschen in Deutschland besonders bevorzugt werden und es einfacher haben, eine Wohnung, eine Arbeit, usw. zu bekommen. Dass es genau umgekehrt ist, das hätte ich nie gedacht.
Dass diese Menschen sich oft genauso fühlen wie ich, hilft mir auch, sie besser zu verstehen.
Ich frage mich nämlich auch oft, wieso ich nicht einfach so akzeptiert werden kann wie ich bin.
Ich werde auf jeden Fall nie wieder andere Menschen beschimpfen und mit meiner Therapeutin nach Methoden suchen, wie man Wut abreagieren kann ohne anderen zu schaden.
Ich hatte mich auch in den letzten Jahren oft gefragt: Wieso werden die Moslems als Teil der Gemeinschaft aufgenommen und von ihren Mitmenschen gut behandelt, und ich nicht?
So wirkte das auf mich, wenn ich im Fernsehen die Menschen, die am Bahnhof die Flüchtlinge willkommen hießen, sah.
Dann fragte ich mich: Wieso werden sie so nett Willkommen geheißen, aber ich wegen meiner Behinderung abgelehnt?
Dass es neben diesem netten Willkommen auch noch eine andere Seite gab und das Ankommen für sie in Deutschland gar nicht immer so leicht war, das wusste ich nicht.
Ich werde versuchen, auch mit Hilfe meiner Therapeutin, mich besser in andere Menschen hineinversetzen zu können.
02.11.2021 11:15 •
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